Museo Aero Solar sagt: Not In Our Name, IBA


Museo Aero Solar sagt:
Not In Our Name, IBA

April 20, 2010

Liebe Andrea Knobloch, sehr geehrte „Academy of another city/Akademie einer anderen Stadt“

Nachdem wir Hamburg besucht hatten, brauchte es mehr Zeit als wir erwartet hatten, um zu entscheiden, ob wir Eure Einladung akzeptieren. Nicht nur weil es schwer war zu entscheiden, nach diversen Gruppendiskussionen, sondern auch weil wir überlegten WIE wir auf Euren netten Vorschlag, an einem Kunstevent teilzunehmen, der von Eurer Gruppe organisiert und gegründet wurde und von der IBA Hamburg finanziert, die den ersten Schritt macht, die Insel grundlegend umzukrempeln.

Wir haben uns entschieden, diesen Brief nicht persönlich zu adressieren, sondern als öffentliches Statement zu bringen, weil wir in derselben Lage wie ihr sind: Wir werden als Kultur-Produzenten betrachtet, die im sogenannten kreativen Feld arbeiten und Kunst für die Stadtentwicklung produzieren sollen. Wir trafen uns nur einmal und drei unserer Mitglieder besuchten Wilhelmsburg für zwei Tage, um zu sehen ob es für uns möglich ist, dort zu arbeiten.

Nachdem wir einen Tag mit Euch verbracht haben – wir schätzen Eure Offenheit über verschiedene Aspekte zu diskutieren sehr – taten wir unser Bestes, um über die ersten Eindrücke hinaus Informationen über den Ort zu sammeln. Wir sprachen mit einer Menge Leute vor Ort. Wir liefen von einer zur nächsten Nachbarschaft, von Veddel bis Kirchdorf. Wir entdeckten, dass sich die Situation sehr von dem unterscheidet, was wir von Euch gehört haben.

Ihr habt viele rhetorische Redewendungen gebraucht, die den gegenwärtigen Zustand in Begriffen wie “Entwicklung” und Slogans wie “die Menschen mit dem Stadtzentrum verbinden” zusammenfassten. Es scheint Euch um die “Hilfe für die armen Menschen” zu gehen. Aber wer ist das? Sind es die Einwohner von Wilhelmsburg, die sich gegen die IBA stellen, weil sie denken, dass sie nach und nach aus dem Stadtteil geworfen werden, oder vielleicht noch schlimmer: sie können bleiben, aber ihnen wird ein neuer, “kreativer Lifestyle” auferlegt? Wer sind “die Armen”? Sind es die Künstler und Kuratoren, die gerufen worden sind, um den Stadtteil mit optimistischen und enthusiastischen Kulturevents im Rahmen der “wachsenden Stadt” aufzuwerten, versehen mit denselben Images wir in den IBA-Broschüren oder mit melancholischen Rückblicken auf die “alten Zeiten”, während der „kreative Bezirk” entsteht?

Oder ist es vielleicht die IBA, die all die Werbung, Poster, Kampangen, Kunst, Events und nicht zuletzt Fotos von lächelnden Menschen braucht, die „IBA ist gut“ und “Wilhelmsburg ist gut” rufen? Wozu all diese Bemühungen? Warum sollen wir so optimistisch sein?
Wir (Museo art) leben nicht in Wilhelmsburg und wir sind nicht aus Hamburg. Wir können niemandem sagen, wie die Elbinseln auszusehen haben, was gebaut werden soll oder verändert werden müsste. Aber die IBA-Projekte haben enorme Anstrengungen in Gang gesetzt, um die “kreativen” Mittelklasse-Leute aus dem Stadtzentrum davon zu überzeugen, dass die Insel ein Super-Ort für sie wäre.
Wenn allerdings selbst die “Akademie einer anderen Stadt” offen sagt, dass die IBA sich kaum für die Gentrifizierungsprozesse interessiert, warum sollten wir dies dann mit unterstützen?

Wir lehnten eine Menge Geld ab, aber warum ist dieses Geld für uns da? Geht es darum, uns mit dieser „Chance“ zu bestechen, obwohl die geschilderte Situation offensichtlich ist? Geht es darum, Bilder von einem “großen multikulturellen Kunstwerk” zu haben, das dokumentiert, dass die IBA Menschen anzieht, deren Leben leicht ist, wenn sie nur ja sagen.

Wir glauben nicht, dass der Anspruch von Künstlern getragen sein sollte durch Begriffe wie “Hoffnung” oder “Optimismus”, wenn sie ganz klar nur andere Worte für “Verantwortungslosigkeit” sind. Wir lehnen es ab. Wir sagen „Nein danke.“ Und wir raten jedem anderen eingeladenen Künstler, über diese Möglichkeit nachzudenken. Wenn wir wiederkommen würden, dann nur, wenn keine Künstler mehr benutzt werden, um eine gute Atmosphäre zu verkaufen. Alles was die Künstler im Moment tun, wird hier von der IBA ausgebeutet. Wir sind nicht daran interessiert, die kranke Beziehung zwischen Kunst und Gentifizierung zu pflegen (denn dies ist die Basis des Ganzen, was niemand vergessen sollte).

Wir sind der Auffassung, dass künstlerische Arbeit in diesem Kontext nichts anderes ist als ein weiterer Schritt in der Unterordnung der Kunst unter das kapitalistische Stadtmarketing, und dass dort das Objekt des Austausches nicht mehr die Kunstwerke, sondern die Künstler selbst sind – als neuer „Promotor“ für alle möglichen Immobiliengeschäfte. Wir haben ein sehr interessantes Manifest gefunden, das in der letzten Zeit geschrieben wurde und darstellt, was in Hamburg passiert: es heißt “Not in our name. Marke Hamburg!” Es ist eine Petition, die von Tausenden unterschrieben wurde. […] Wir fanden, dass dieses Dokument die Situation, an der wir aus eurer Sicht teilhaben sollten, sehr gut schildert. Die Tatsache, dass das Mietverhältnis des “Infoladen” in der Fährstraße in Wilhelmsburg durch die SAGA gekündigt wurde, ist ein weiteres Symptom. Aber ist – wie ihr meint – “Utopie” die einzige gangbare und akzeptable Form über andere Formen des Arbeitens und Lebens nachzudenken?

Können wir die Kategorie der “Partizipation” nur so denken, dass es darum geht, Leute dazu zu zwingen, mit uns zu kooperieren, weil wir eine “community” um unser Kunstprojekt haben wollen, um dem Ganzen eine Aura des Konsens zu geben?

Wäre es nicht möglich, dass eines Tages „gutwillige“ KünstlerInnen sich in selbstorganisierten Gruppen zusammentun, anstatt die unbewußte Arbeit einer Kultur fortzusetzen, die Marktwerte und Gentrifizierung produziert?

museo aero solar April, 20th 2010


1 Antwort auf „Museo Aero Solar sagt: Not In Our Name, IBA“


  1. 1 Blog-o-mat 23. Januar 2012 um 13:12 Uhr

    Hi, das ist ein (automatisch erzeugter) Kommentar.
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