Kunst Kultur & Kohle… und gute Beziehungen

Über die Rolle künstlerischer Arbeit bei der Aufwertung Wilhelmsburgs

1. Warum wir diesen Text geschrieben haben

Künstlerische Arbeit ist erprobter Teil der Inwertsetzung öffentlicher Räume und der Aufwertung von Stadtteilen: ob im Rahmen der Integration der Subkultur in St. Pauli oder im Schanzenviertel in hippe Vergnügungsmeilen oder im Rahmen der „Bespielung“ der HafenCity. Auch Wilhelmsburg macht da keine Ausnahme. Im Gegenteil: Kunst und Kultur wurden seit Anfang des vergangenen Jahrzehnts von Senat, Kulturbehörde und natürlich der Internationalen Bauausstellung Hamburg (IBA)*, sowie der Internationalen Gartenschau 2013 (igs)* gezielt als Teil der Neudefinition eines vorher als „gefährlich“ definierten Stadtteils eingesetzt.

Wir möchten im Folgenden die Rolle künstlerischer Arbeit in diesen Prozessen hinterfragen: ausdrücklich geht es uns nicht darum, die Produkte dieser Arbeit zu bewerten oder einzelne Künstler_innen an den Pranger zu stellen. Aber wir halten auch für den Stadtteil Wilhelmsburg eine Diskussion über Alternativen zu gegenwärtig dominanten Formen von Kunstproduktion für überfällig – Alternativen, die anderswo unter dem Label Not in Our Name, Marke Hamburg!* ins Spiel gebracht wurden. Wir wünschen uns künstlerische und kulturelle Arbeit, die sich nicht vom Stadt-Marketing der IBA instrumentalisieren lässt. Dabei ist unsere Perspektive von eigenen Erfahrungen mit kulturellen und künstlerischen Arbeiten in Wilhelmsburg geprägt – von dem mobilen Kino Insel-Lichtspiele* bis zum Lädenleuchten-Projekt*.

Wir haben gute und schlechte Erfahrungen mit diesen Projekten gemacht; auch die Erfahrung, dass selbst gut gemeinte und gedachte und sogar im Stadtteil verankerte Arbeiten oft unter der Dominanz der großflächigen „Bespielung“ durch IBA und igs untergehen. Wir haben kein Patentrezept für eine kulturelle Arbeit, die nicht direkt oder indirekt zur Gentrifizierung beiträgt – das gilt ausdrücklich auch für unsere eigenen Arbeiten. Aber wir denken, dass ein Grundproblem die Beteiligung von Kulturschaffenden bzw. Künstler_innen an IBA- und igs-Projekten ist. Wir meinen, dass die im Folgenden dokumentierten Erfahrungen zeigen, dass es sinnlos ist, eine Beteiligung an solchen Projekten als Versuch zu verstehen, das viele dort ausgegebene Geld „sinnvoll“ umzulenken.

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Deshalb sagen wir: Not in our Name, IBA Hamburg!

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2. Hintergründe: Kunst, Kultur und IBA Hamburg

Seit etwa Mitte der 2000er Jahre konzentrierten Kulturbehörde und Co. die Förderung von Kunst im öffentlichen Raum auf Wilhelmsburg. Entsprechend stark wurde der Konkurrenzkampf der oft außerordentlich prekarisiert arbeitenden und lebenden Künstler_innen darum, Projekte in diesem von der Stadtpolitik mit ihrem Verwertungsinteresse neu „entdeckten“ Stadtteil zu machen.

Während Not in Our Name, Marke Hamburg! 2009 in der Hamburger Innenstadt, als Protest gegen die Instrumentalisierung der Kunst im Stadtmarketing, sehr laut war, und spätestens seit der Besetzung des Gängeviertels auch in den Mittelpunkt der „Recht auf Stadt“-Bewegung rückte, blieb das Thema in Wilhelmsburg relativ leise. Das mag auch damit zusammenhängen, dass ein kleiner, aber durchaus prominenter Teil derjenigen, die jenseits der Elbe gegen die Instrumentalisierung künstlerischen Arbeit auftraten, diesseits der Elbe (in Wilhelmsburg) an IBA-Projekten teilnahmen.

Oppositionelle und kritische Positionen – der Protest gegen steigende Mieten, die Ausbeutung und Entwürdigung der Mieter_innen im Korallus- und Bahnhofsviertel, die Naturzerstörungen der igs und sinnlose Prestigeprojekte der IBA –kamen in Wilhelmsburg nur sporadisch von Künstler_innen und Kulturschaffenden. Wenn im Rahmen von Kunstprojekten auch Kritik an der Stadtentwicklung geübt werden sollte, dann geschah dies in aller Regel – wie das Beispiel der Gruppe Ligna*, die sich später deshalb selbst kritisierte, deutlich zeigte, – ohne einen längerfristigen Bezug zum Stadtteil. „Wunschproduktionen“ und ähnliches, Interviews mit Bewohner_innen des Stadtteils oder das Aufgreifen Wilhelmsburger Migrationsgeschichten blieben durchgehend leicht konsumierbar, weil sie oft keinerlei Verbindung zum Alltag schaffen konnten. Anders gesagt: wenn die Ausstellung abgebaut und die Künstler_innen abgereist sind, ist von der Geschichte nichts mehr zu hören.

Das ist besonders schade und problematisch, weil dieser Stadtteil zur gleichen Zeit immer mehr in den Fokus von Strategien der Erzeugung von Aufmerksamkeit geriet, die in erster Linie Investor_innen anlocken sollten. 2007, mit Beginn des „1. IBA-Kunst- und Kultursommers“, wurde künstlerische Arbeit als „Experimentierfeld“ verstanden und in „Laboren“ verrichtet. Viele Kunst- und Kulturschaffende konnten schon bald dazu eine Konzeptidee bei IBA/igs einreichen. Finanzielle Mittel waren, ganz im Gegensatz zur Situation im Kulturbetrieb insgesamt, hier reichlich vorhanden. IBA und igs übernahmen die Regie, und beide verstanden „Kulturförderung“ ganz entsprechend ihrer noch durch den CDU-geführten Senat definierten Aufgabe von vornherein als Teil des Stadtmarketing (was sich unter der jetzigen SPD-Regierung nicht erkennbar geändert hat). Es blieben zwar einige IBA-kritische Stimmen innerhalb der lokalen Kunstproduktion und auch einige nicht von der IBA geförderten Projekte (Lädenleuchten, Insel-Lichtspiele, Südbalkon, Institut für Telenautik*), es konnte jedoch keine laute gemeinsame IBA-kritische Stimme innerhalb der künstlerischen Arbeit vor Ort etabliert werden.
Das Gegenteil war der Fall.

3. Kunst als Verwertungsmaschine: Das Gegenteil von Freiräumen

Eines der ersten Wilhelmsburger IBA-Kooperations-Projekte war die von „KuBaSta e.V.“initiierte „Halle Dreizehn“ auf dem Puhst-Hof im Reiherstiegviertel. Die Räume wurden im Rahmen des 1. IBA-Kunst- und Kultursommers 2007 finanziert und wurden innerhalb des darauffolgenden Jahres Schauplatz verschiedenster Veranstaltungen: Modenschauen, Konzerte, Filmabende, Kunst-Performances, Ausstellungen und sonstige Events. Der Versuch – mitten im Gestank der benachbarten Nordischen Oelwerke – die Widersprüche der Aufwertung Wilhelmsburgs zu thematisieren, wurde im Rahmen dieses Projektes so gut wie überhaupt nicht unternommen. Dabei zeigte sich schon zu diesem Zeitpunkt das Problem, dass die IBA und die beteiligten Kunst- und Kulturschaffenden für sich selbst reklamierten, die Wilhelmsburger Künstler_innen zu repräsentieren. Die Forderung nach einer Aufwertung des Stadtteils wurde passenderweise mit dem Bild unterlegt, dass es „hier bisher nichts gibt“. Ignoriert wurde, dass es in der Tat bereits seit vielen Jahren unauffällige Räume für „Experimente“ gab – neben den bereits erwähnten zahlreiche weitere, die aus den diversen Alltagen des Viertels entstanden sind. Diese wurden von den neuen „Entdecker_innen“ jedoch sorgfältig ausgeklammert, da sie sich nicht vergleichbar eindeutig als Stadtmarketing verkaufen ließen und lassen wollten.

Die Träger_innen der Halle Dreizehn erklärten 2007 auf ihrer Homepage:

„Wer die Situation auf der Elbinsel Wilhelmsburg kennt, der wird zustimmen, dass es an Räumen fehlt, wo Experimente gerne gesehen sind. Ob für Bildende oder Darstellende Kunst, für Musik oder Kommunikation. Räume, selbst wenn sie ‚nur’ als homebase für Projekte im öffentlichen Raum dienen, sind wichtig. Mit der Halle Dreizehn steht nun ein Ort zur Verfügung, der offen ist für Experimente, für Ausstellungen und künstlerisches Schaffen sowie für Events. Die Halle liegt verkehrsgünstig an der Neuhöfer Straße 23 (im Puhst-Gewerbehof). Getragen wird die Halle Dreizehn vom Büro überNormalNull, das seit mehreren Jahren an der Schnittstelle Kunst und Stadtentwicklung arbeitet; u.a. wurde von üNN die Hafensafari, tune, Kreuzwege konzeptionell mitentwickelt. Inhaltlich gefüllt wird das Programm u.a. durch den Verein KuBaSta – Raum für Kunst Bauen Stadtentwicklung e.V., der seit 2005 am Münzplatz hinterm Hühnerposten einen offenen Kunst- und Projektraum betreibt, die ehem. Friedhofskapelle an der Mengestraße letztes Jahr wiederbelebte und letztens an der Mannesallee eine aktivierende Bürgerbeteiligung durchführte. Die IBA Hamburg 2013 fördert das Projekt für die ersten zwölf Monate durch einen Mietkostenzuschuß. Programm, Ausstattung und Betreuung der Halle müssen frei erwirtschaftet werden. Die Initiatoren wollen einen Beitrag leisten, um Künstler, Kunst- und Kulturinteressierte, Musikliebhaber, kommunikationsfreudige Menschen und die BewohnerInnen der Elbinseln miteinander in Kontakt zu bringen, ihnen eine Plattform bieten für Selbstdarstellung und Erprobung.“

Was an dieser Erklärung auch im Nachhinein noch interessant ist, ist dreierlei: Erstens wird mit einem wirklichen Mangel argumentiert (auch in Wilhelmsburg gibt es beispielsweise Mangel an preiswerten Ateliers und zugleich jede Menge sowohl teure als auch leerstehende Ladenflächen). Zweitens bleibt aber unerwähnt, dass es durchaus Räume gibt, die selbstorganisiert und ohne IBA-Label genutzt werden. So wird die im IBA-Sprachgebrauch zur „Elbinsel“ umgetaufte Gegend zu einer Art terra incognita, einer Gegend, in der es bisher angeblich keine „Entfaltungsmöglichkeiten“ gab, während im Zusammenhang der IBA nun endlich „Experimente gern gesehen sind“. Drittens wird das zugrundeliegende Arrangement verschwiegen: Es handelt sich lediglich um eine temporäre Nutzung. Es ist – um ein in der Auseinandersetzung um das Gängeviertel entstandenes Bild zu zitieren –, die Ankündigung dass die Künstler_innen „brav ihre Bildchen einpacken“ werden, wenn Investor_innen oder Hafenwirtschaft mit der Höherverwertung des Ortes beginnen möchten. Seitdem gibt es so viele Beispiele für derartige Vereinbarungen, dass die Vermutung naheliegt, dass es genau darum geht.
Temporäre Nutzungen unter dem Label der IBA oder der igs sind darauf ausgelegt, dass auf weitergehende Ansprüche verzichtet wird. Es werden keineswegs nachhaltig Orte oder gar Freiräume für künstlerische Arbeit geschaffen, sondern eng umgrenzte Projekte, die im Rahmen der Aufwertungsmaschine jene „Spannung“ produzieren sollen, die zeitweise gebraucht wird, um Investitionen in Schwung zu bringen.
Unter anderen Umständen wurde dies in der Kunst-Bespielung von Freiflächen in der HafenCity deutlich, während die Besetzung des Gängeviertels dieser Art der Instrumentalisierung eine Grenze setzte. Spätestens seit der Entstehung der „Recht auf Stadt“-Bewegung steht diese Strategie im Gegensatz zu einer Kunst- und Kulturproduktion, die sich als Teil einer Bewegung versteht, die gegen Leerstand, Mieterhöhungen und Instrumentalisierung von Kunst und Kultur protestiert. In Wilhelmsburg wurde seit dem IBA-Kunst- und Kultursommer 2007 eine Sub-Kultur imitiert, die einmal unter ganz anderen politischen Voraussetzungen entstand und die sich heute gegen die Enteignung ihrer Symbole und Zeichen und die Entpolitisierung ihrer Inhalte wehrt. Künstlerische Arbeit und Stadtteilkultur sind unter den Vorzeichen der IBA unseres Erachtens in Wilhelmsburg nicht einfach nur „schön“, „cool“ oder „spannend“, sondern unvermeidlich Teil des Konfliktes um die „Aufwertung“ des Stadtteils.

Trotz der sicherlich prekären Situation von Kunstproduzent_innen und kulturellen Einrichtungen – sich an solchen „temporären Nutzungen“ zu beteiligen, ist es kein Naturgesetz: Als Beispiel für eine kritische Reaktion auf die Kunst- und Kulturpolitik der IBA sei das Bürgerhaus Wilhelmsburg erwähnt, das jüngst aus der Kooperation mit der IBA ausstieg. Vom Bürgerhaus, das auf öffentliche Gelder angewiesen ist und in dem diverse IBA-Großevents stattfanden, war bis vor kurzem Kritik kaum zu erwarten und zuvor auch nicht zu beobachten. Dennoch: Auch hier war das Maß irgendwann voll. Die Leiterin des Hauses hielt im November 2011 im Rahmen eines „IBA-Labors“ namens „Kunst in der Stadt“ – anders als die Choreografie der Veranstaltung es vorsah – eine Rede:
Sie wies einerseits auf den Motivationsunterschied von Kunstproduktion aus Künstler_innenperspektive und der Immobilienverwertungslogik der IBA hin und machte andererseits das Verständnis des Bürgerhaus-Teams von Kultur, Beteiligung und Kooperation klar – und sie erklärte, dass dieses mit demjenigen der IBA nicht in Übereinstimmung zu bringen sei. Zuvor hatte die IBA ein von ihr selbst initiiertes „Bündnis für die Kunst“ obstruiert: Dort waren auch Veranstaltungen für das Jahr 2014 geplant worden, worauf die IBA nachsteuerte und diese wieder absagte:
Ganz offensichtlich will sie alle Kunst-Events auf ihr Abschlussjahr 2013 konzentrieren.

4. Kunst als Pseudo-Partizipation: Das Gegenteil von Demokratie

Dabei wird das Problem der Nachhaltigkeit von der IBA selbst keineswegs verschwiegen. Spätestens 2009 wird in ihren Publikationen – mindestens zwischen den Zeilen und manchmal auch konkret – diskutiert, dass die mangelnde Kontinuität und die immer neuen Projekte die Akzeptanz der Kunst-Bespielung des Stadtteils in Frage stellen könnten. So wurde u.a. die „Akademie einer anderen Stadt“ 2009 als neues Vorzeige(kunst)-projekt gefunden.

Die beteiligungsorientierte und kritische Perspektive, die sich im Titel dieser Veranstaltung andeutet, ist aber im Rahmen einer Politik, die die nachweislich auf Innenstadtniveau liegende Mietsteigerungen für „moderat“ erklärt und die weiterhin große Flächen in den Wilhelmsburger Quartieren ökologisch beschädigt und privatisiert, schwer einzulösen. An der ersten Ausstellung dieses Projekts kritisierten beteiligte Schulklassen die Instrumentalisierung durch die Kurator_innen. Andere Künstler_innengruppen – wie die in der Anlage dokumentierte Erklärung aus Mailand zeigt – winkten bereits bei der Anfrage nach Beteiligung ab.

In einem Artikel des Wilhelmsburger Wochenblatts (Dezember 2011) werden die Kuratorinnen der „Akademie einer anderen Stadt“ zitiert:

„Immer mehr Künstler lassen sich ganz direkt auf die Stadt, in der sie leben, ein. Sie werden von den Menschen und den Situationen bewegt, die ihnen begegnen, anstatt im Elfenbeinturm vor sich hinzuwerkeln“.

Was die Veranstalter_innen mit „sich auf den Stadtteil einlassen“ meinen, wird aus einer Anekdote im Rahmen einer Ausstellungseröffnung auf dem Parkdeck beim Bahnhof Wilhelmsburg deutlich: Als sich zu den (geladenen) Gästen einige „migrantisch“ aussehende männliche Besucher gesellten, wurden diese sofort von der Security der „Akademie einer anderen Stadt“ aus dieser Veranstaltung entfernt. Offensichtlich stellten die besagten jungen Leute schon mit ihrer Anwesenheit eine Bedrohung für die Veranstalter_innen dar.

(siehe auch den Artikel Multikulti, ja bitte – aber nicht an meinem Tisch … ? im Wilhelmsburger Inselrundblick, http://www.inselrundblick.de/Archiv/2010/10%20Okt.pdf).

Ein weiteres Beispiel ist auch die „Universität der Nachbarschaften“ (UdN)*, ein ausgelagerter Teil der Hafen-City-Universität, die sich 2009 in einem Abbruchgebäude in Wilhelmsburg ansiedelte. Zitat:

„Mit der Universität der Nachbarschaften entsteht ein integrierender Arbeits- und Veranstaltungsort, der ebenso Raum des Lernens und Forschens ist, wie ein Ort der Begegnung unterschiedlicher Kulturen und Erfahrungen. Über einen Zeitraum von fünf Jahren verhandelt das Projekt ‚Universität der Nachbarschaften’ (UdN) das forschende Erarbeiten und Erproben zeitgemäßer Bildungsformen an der Schnittstelle von Kultur, Wissen und Stadtentwicklung.“

Im Rahmen einer Kunstperfomance wurde die Wiener Performancegruppe Gods Entertainment eingeladen. Sie waren im Auftrag von Kampnagel (mit der IBA als Kooperationspartner) für die Bespielung des leerstehenden ehemaligen Gesundheitsamts am Rotenhäuser Damm für zwei Wochen in Wilhelmsburg unterwegs. Ohne Ortskenntnisse versuchten sie, Bildungsträger, (Jugendliche des) Haus der Jugend, Sozialeinrichtungen, lokale Künstler_innen und Anwohner_innen durch Grillen, Getränkeausschank und Performances einzubinden. Solange Gods Entertainment zusammen mit dem interessierten Publikum tagsüber „performte“, schien alles schön unbekümmert und witzig. Die Realität brach dann aber eines Abends über sie ein, als das Bildungs- und Partypublikum abgezogen war: Einige örtliche Jugendliche randalierten und wurden gegenüber den Veranstaltern ungemütlich – so wurden doch noch Widersprüche zwischen gelebter Wilhelmsburger Realität und der Parallelwelt der UdN sichtbar.

Dass es zu solchen Konflikten kommt, liegt vor allem daran, dass die genannten Kunstprojekte die Stadtteile, in denen sie auftreten, de facto oder wie im Falle von God’s Entertainment explizit als „Experimenteller Auftrittsort“ ansehen, das „bespielt“ werden kann. Ob der Widerspruch zwischen der flotten Ankündigung der Gruppe,„God´s Entertainment wird auf Wilhelmsburg losgelassen: da werden Kontakte geknüpft, Komplizenschaften geschmiedet und eine Impfstelle gegen ‚Antiismus‚ eingerichtet“ und ihrem anderswo angedeuteten leeren Protest-Gestus aufgefallen ist?

5. Kunst am Industriekanal: Das Gegenteil von „Ökologie“

Der Versuch, die Aufwertung des Stadtteils durch andauernde Events zu verkleiden, in denen „Bürgerbeteiligung“ simuliert wird, bedeutet, dass es sehr schwierig ist, innerhalb dieses Prozesses eine kritische Stimme zu erheben. Wenn es zwischen den Bedenken, die einzelne Kunst- und Kulturprojekte formulieren und den Protesten gegen die Verschlechterung der sozialen Verhältnisse im Stadtteil keine Verbindung gibt, werden solche „kritischen Stimmen“ schnell nichts anderes als ein Beleg für den vorgeblich „offenen“ Charakter der IBA. So konnte etwa eine der Kurator_innen des IBA-Kunst- und Kultursommers 2007 in einer IBA-Broschüre die mangelnde Verankerung und Nachhaltigkeit dieses Projekts ankreiden.
Viel gewonnen wird dadurch nicht, außer vielleicht der Eindruck, man habe es mit besten Absichten versucht, sei aber am Ende leider gescheitert. Auch das ist ein Teil der Instrumentalisierung: „Kritische Stimmen“ sind durchaus gefragt, solange sie nichts bewirken.

Wenn viele der groß angelegten IBA-Projekte platzen und die Bewohner_innen des bespielten Stadtteils am Ende nur Mietsteigerungen, Baumfällungen oder hohe Eintrittspreise in früher öffentlichen Parks wahrnehmen, dann braucht man schon den einen oder anderen „kritischen Ton“, der suggeriert, die IBA würde entsprechende Konsequenzen ziehen, wenn sie Probleme erkannt hat. So dienen Kritiken, sobald sie mit dem Logo der IBA versehen werden, systematisch einerseits zur Legitimation des Projektes, andererseits werden sie in der Gesamtschau der Massen von Image-Broschüren und Büchern, mit deren Produktion sich die IBA befasst, absolut marginal. Und schließlich: unsere Prognose ist, dass Uli Hellweg selbst spätestens im Jahr nach der IBA konstatieren wird, dass die Kunstprojekte im Rahmen des IBA Kunst- und Kultursommers „nicht nachhaltig“ waren („kritisch“, wie er eben ist). Der Clou ist vielmehr: sie sollen nicht „nachhaltig“ sein. Was Teil einer Verwertungskette ist, ist nicht nachhaltig, sondern dazu da, nach Verwertung zu verschwinden.

Gleichzeitig hat die Kritik auch Grenzen, wie zum Beispiel am IBA-Kunstprojekt Kultur/Natur* 2008 zu sehen ist. Schwerpunkt dieses Projekts war eine Auseinandersetzung mit Umweltzerstörung und Klimawandel, ein Thema, das die IBA angesichts der bekannt gefährdeten Lage der Elbmarsch erst spät für sich entdeckt hat. Eine Anwohnerin wollte eine Thematisierung der erheblichen Schadstoffbelastungen des Veringkanals mit einbringen – eines Industriekanals am Hafenrand, der über fast ein Jahrhundert mit Schwermetallen und anderen Giftstoffen gefüllt wurde, heute mitten im Aufwertungsgebiet liegt und immer noch nicht saniert ist. Aber die eigentlich nahe liegende Thematisierung dieses Widerspruchs kam nicht auf die Tagesordnung des Kunstprojekts. Wir vermuten, dass die Attraktion der „Stadt mitten im Wasser“ nicht durch die Thematisierung der Industrialisierungs-Folgeschäden angetastet werden sollte. Für weitere Aufregung sorgte eine beteiligte Künstlerin, die mit einer Arbeit auf ein Feuchtbiotop im Hamburger Hafen aufmerksam machte, woraufhin ihr die Hamburg Port Authority (HPA)* verbot, weiterhin das Gelände auf der Peute zu betreten.

An diesen Beispielen wird auch deutlich, wie kompliziert die Aufwertung mitunter sein kann. Die Hafenwirtschaft ist ja – von dem Containerreparaturbetrieb („Containerklopperei“) bis zu den Chemiefabriken, vom LKW-Verkehr bis zu den Folgen einer hundert Jahre alten Industrie- und Restzone – im Stadtteil mehr als sichtbar. Früher, heißt es, konnte man in der Straßenbahn die Augen schließen und doch wissen, wo man war, weil es überall unterschiedlich stank. Die Geruchs- und Lärmbelastung ist keineswegs verschwunden, sondern liegt immer noch weit über den Grenzwerten, vor allem rund um die Neuhöfer Straße. Die IBA thematisiert all diese Probleme in der Regel nicht – man könnte Investoren abschrecken. Es könnte absurd erscheinen, dass die SAGA GWG ausgerechnet östlich der Nordischen Oelwerke (umgangssprachlich „Katzenkocherei“) schicke neue Häuser plant und baut. Solche Widersprüche auszublenden und gleichzeitig eine Veranstaltung namens Kultur/Natur zu arrangieren, ist auch schon eine Kunst.

Aktuelle Konfliktstoffe im Stadtteil wie der Autobahnbau, die Hafenerweiterung, der LKW-Verkehr, die Umwandlung von Flächen für den Logistikbetrieb, die massiven Baumrodungen auf dem igs-Gelände und für IBA-Projekte werden aus diesem Grunde, sobald sie als Teilprojekt der IBA erscheinen, nur selten thematisiert. Wir glauben nicht, dass die engagierten Künstler_innen sich nicht dafür interessieren, eher ist es eine „Schere im Kopf“. Auch in dieser Hinsicht ist es kein Wunder, dass die inszenierte Beteiligung keine „Nachhaltigkeit“ entwickelt.

6. „Konzertgangster“ und andere Durchlauferhitzer

Ein Problem dieses Textes ist, dass wir bis hierhin von einem Bild „der Künstler_in“ ausgegangen sind. Diese Figuren existieren in der Realität nicht. In Wirklichkeit ist „Kunst“ und „Kultur“ vielmehr ein hoch organisierter Betrieb, der stark hierarchisiert ist und in dem diverse „Vermittler_innen“ eine zentrale Rolle spielen: „Künstler_innen“ sind ständig Kurator_innen, Galerist_innen oder andere Kulturbürokrat_innen auf den Fersen. Letztere, die Wolf Biermann in einem guten Moment mal „erfahrene Konzertgangster“ genannt hat, haben sich in Wilhelmsburg inhaltlich ganz überwiegend nicht von den Senats-Leitbildern der Stadtentwicklung abgesetzt.
Durch ein unkritisches Verhältnis zur eigenen Rolle im Aufwertungsprozess wird das, was zunächst nach einem findigen Ausnutzen von Gelegenheiten und Fördermöglichkeiten aussieht, zum aktiven Bestandteil eines Stadtteilmarketings, das sich Kunst und Kultur als „Aufwertungsmotoren“ bedient.

Ein gutes (oder schlechtes) Beispiel hierfür ist KuBaSta e.V., der „auf der Elbinsel“ seit Mitte der 2000er voll im Geschäft war und Ende 2010 aufgelöst wurde. Dahinter steckt auch das Stadtplanungsbüro überNormalNull (üNN), dessen Leitidee so aussieht:
„Eine lebendige, kreative und anziehende Stadt entsteht nur da, wo kulturelle, wirtschaftliche und soziale Entwicklung ineinander greifen. Deshalb verfolgt üNN die Strategie der Kulturellen Sukzession. Unter frühzeitiger Einbeziehung der Bevölkerung werden die Gelegenheiten und historischen Bezüge des Ortes aufgegriffen und kulturell durchdrungen. Das beginnt mit der Belebung durch künstlerische Aktionen, setzt sich fort mit der Umnutzung bestehender Gebäude und Freiflächen und mündet schließlich in die sukzessive Entfaltung neuer städtischer Strukturen.“

Als mit dem IBA-Kunst- und Kultursommer 2007 „die Hamburger Elbinseln zur Bühne der Stadt“ werden sollten, wie die IBA schrieb, übernahm üNN gemeinsam mit „10° Kunst –Wilhelmsburger Freitag“ die Projektauswahl. Sie selbst bekamen dabei Zuschläge für insgesamt 14(!!) Projekte (siehe Anlage).

Seit 2010 sind einzelne Personen von KuBaSta nun für die „Soulkitchen Halle“* verantwortlich. Eine IBA-Koop-Veranstaltung war das „IBA-Kino“, das 2010 im Ausstellungsraum der IBA und in der „Soulkitchen Halle“ stattfand. Dort wurden u. a. Filme und Diskussionen zum Thema Architektur und Stadtentwicklung gebracht: „Die Kinoreihe im Rahmen der Ausstellung „Wilhelmsburg Mitte – Etappen zu einem lebendige Stadtteil“ zeigt neun Spielfilme und hochwertige historische und aktuelle Dokumentationen zum Themenfeld Architektur und Stadtentwicklung.“ (Zitat von der IBA-Homepage)

Diese Inszenierung ist besonders interessant, weil sich nur wenige Monate vorher die „Insel-Lichtspiele“ mit einem ähnlichen Thema aus einer ganz anderen Sicht (und weitgehend auf der Grundlage eines großen Engagements von Bewohner_innen des Stadtteils) befasste: Der Gentrifizierung und dem Protest dagegen. Die Reihe bezog sich ausdrücklich und solidarisch auf die „Recht auf Stadt“-Bewegung. Die „Soulkitchen Halle“ funktioniert dagegen weitgehend harmlos als ein „weicher Standortfaktor“: ebenso gerne gesehen wie die gepushte Kunst- und Kulturszene, pittoreske Orte, Student_innenkneipen, hippe Cafés und ein Haufen (Groß-)Events. In dieser Melange finden sich fast nirgends Versuche, die sozialen und ökologischen Probleme, mit denen sich die Bewohner_innen des Stadtteils alltäglich herum schlagen, zu benennen oder Foren zu ihrer Artikulation zu bieten. Auch wenn die Betreiber_innen zur Zeit gerade verstärkt die alternative Szene umarmen („Freigeistern“, “Himmelsläufer Variete“), heißt das noch lange nicht, dass die „Soulkitchen Halle“ nicht 2013 wieder mit der nächsten großen IBA-Promoveranstaltungen auf den Plan tritt.

Ein weiteres Beispiel ist das 2009 von der IBA erfundene „Kreative Quartier Elbinsel: Räume für die Kunst“: „Die nachhaltige Infrastrukturförderung soll künstlerische und kreative Strukturen vor Ort festigen und Voraussetzungen für eine langfristige, lebendige Kulturszene auf den Elbinseln schaffen. Neben Ateliers und Ausstellungsräumen für Künstlerinnen und Künstler sollen flexible Produktionsplätze für lokale und überregionale Start-Ups sowie etablierte Unternehmen aus dem kreativwirtschaftlichen Sektor entstehen.“ Das mit diesen Worten eingeführte Projekt ist ein entmieteter Gewerbehof im Reiherstiegviertel, in dem zuvor diverse lokal verankerte Gruppen aktiv waren und für den die IBA nach Nutzer_innen suchte, zuerst allerdings nicht IN, sondern AUßERHALB Wilhelmsburgs. Die Ansprachen der IBA gingen in die Künstler_innengemeinden des Skam e.V., des Frappant e.V., sowie des Gängeviertels, die alle ihre Objekte aufgrund von Höherverwertungsabsichten räumen sollten. Angesichts der erwähnten Positionierung dieser Gruppen im Rahmen der „Recht auf Stadt“-Bewegung entschieden sich alle dagegen, als Pioniere nach Wilhelmsburg verpflanzt zu werden. Ein Grund war sicherlich ihr eigener Bezug zu den Stadtteilen, in denen sie arbeiteten, aber auch die Ablehnung einer Instrumentalisierung zwecks Standortmarketing.
Nachdem dieser Versuch gescheitert war, suchte die IBA händeringend nach Künstler_innen, um dieses Vorzeigeprojekt nicht scheitern zu lassen – erst jetzt ging sie gezielt in Wilhelmsburg auf die Suche und entwarf die „Künstler-Community Elbinsel“*. Hier bot sich die ehemalige Geschäftsführerin von „Stadtkultur e.V.“ mit ihrem dafür geschaffenen Unternehmen „Conecco“ an, die gewünschten Erfolge zu produzieren: Die von ihr betreute „Künstler-Community Elbinsel“ setzt sich aus einigen Menschen zusammen, die Kunst machen, Kunsthandwerk betreiben, Yoga und Sport machen, oder aus Berufen wie Grafik/Design, Gastronomie kommen.
Das Angebot, das hier geplant ist, soll sich an den Stadtteil richten – die Hoffnung der Beteiligten ist, dass sich zahlungskräftige Kund_innen finden, die die Anmietung der Räume ökonomisch tragbar machen.

Die „Community“, selbst ist inzwischen unzufrieden mit der Zusammenarbeit und Unterstützung der IBA für ihr Projekt, hat sich aber zu ihrer eigenen Rolle im Bezug auf Stadtentwicklung bisher nicht öffentlich geäußert.

7. Festivalisierung

Ab 2004 wurde der Festival-Weg geebnet: Auf der ehemaligen Brache auf dem Fährstieg, die gleichzeitig ein gesetzlich geschütztes Biotop war, veranstaltete „Neues Cinema Paradiso“ (heute „Insel-Lichtspiele“) ein vierwöchiges Open-Air-Kino und erhielt dafür finanzielle Unterstützung von der bundesweiten Regierungsinitiative „Stadtumbau West“. Obwohl sie sich in ökologischer Rücksichtnahme übten, blieben auch sie Pioniere zur Bespielung dieser Fläche.

Ab 2006 organisierten die Technoveranstalter_innen von „PLUX“ sowie das „GrünanlageFestival“ ihre Events. Der Fährstieg war zu diesem Zeitpunkt ein artenreicher und hochwertiger Trockenrasen. Dies hielt aber die Behörden nicht davon ab, wiederholt Ausnahmegenehmigungen für „einmalige“ Veranstaltungen zu erteilen. Die Veranstalter_innen selbst hatten auch nicht die Not, sich ernsthaft an die pro forma erlassenen Auflagen halten zu müssen, denn bei den Behörden gibt es bekanntlich Personalmangel und an Wochenenden werden überhaupt keine Kontrollen durchgeführt. So wurde dieses Gelände mittels einiger tausend Besucher_innen nach und nach „erfolgreich“ zertrampelt. Das passte gut, denn die Stadt hatte schon Pläne für die gewerbliche Nutzung des Geländes: Jetzt steht dort eine Werkhalle des zivil-militärischen Weltkonzerns Rolls Royce, Durch den Festivalbetrieb wurde die ökologische Wertigkeit der Fläche reduziert und damit auch der kostspielige Ausgleich für die Bebauung gesenkt – ob das ein Nebeneffekt oder eine städtische Vermarktungsstrategie war, wissen wir nicht, es möge jede_r selbst urteilen.

Alle diese Festivals waren seinerzeit selbstorganisiert, hatten jedoch kaum Bezug zum Stadtteil. Es wurde zunächst nicht einmal in Wilhelmsburg dafür geworben. Die genannten Brachen wurden einfach als „Freiflächen“ betrachtet. Später mehrten sich Proteste gegen die Events, u.a. wegen Ruhestörung in den angrenzenden Wohngebieten sowie des Ärgers über Müll und die Zerstörung der ehemaligen Fährstieg-Brache. Dies sollte aber (nur kleine) Konsequenzen für die nachfolgenden Veranstalter_innen haben. Die Anzahl der Festivals pro Jahr wurde vom Bezirksamt begrenzt und vage Richtlinien für Lärmemission eingeführt, allerdings mit begrenzten Folgen.

2007 kam dann auch das sogenannte 1. Elbinsel- Festival zum Auftaktjahr der IBA. Es war eine Kooperation zwischen der IBA, der Honigfabrik und dem Musik- und Sportveranstalter Karsten Schölermann GbR. Gemeinsam wurde ein Festivalwochenende konzipiert, das – wir zitieren – Wilhelmsburg „unter Strom setzen“ sollte. Das, da waren sich die Initiator_innen sicher, würde für die IBA und Hamburg der beste Weg sein, um auf die kommenden großen IBA-Projekte auf der (zweit)größten Binneninsel Europas hinzuweisen.

Es wurde eine riesige Imagekampagne in der gesamten Stadt initiiert, um auf das kostenlose Festival aufmerksam zu machen. Selbstverständlich setzten sich die Veranstalter_innen über die Lärmschutzrichtlinien hinweg, die der Bezirk und die seltsamerweise formal zuständige Hafenbehörde HPA wegen der Anwohner_innenproteste festgelegt hatten. Ein Tag bevor das Festival anfing, wurde die Bühne endgültig aufgebaut und entgegen der Absprachen mit der HPA und dem Bezirk in Richtung des Wohnviertels ausgerichtet. Den verwunderten HPA-Mitarbeiter_innen sagte man, dass an dem Aufbau jetzt nichts mehr zu rütteln sei, da ansonsten „das ganze Festival gefährdet sei“. Mit der IBA und dem Senat im Rücken war selbst so eine Dreistigkeit gegenüber der mächtigen HPA durchzusetzen. An diesem Wochenende kamen ca. 30.000 Leute nach Wilhelmsburg. Am Rande der Veranstaltung durften die Stadtteilbewohner_innen ihre angemeldeten Stände aufbauen, IBA-Fähnchen schwenken und für Folklore sorgen.

Auch Dockville begann 2007 seine Karriere mit einer Finanzspritze der IBA. Das war zu dem Zeitpunkt genau das Event, das sich die Stadtplaner_innen wünschten. Große Festivitäten, die viele Menschen nach Wilhelmsburg bringen und Bilder mit vielen glücklichen Menschen liefern – um das vermeintlich schlechte Image aufzupolieren. Die Festivalleute platzierten sich auf einem Gelände am Reiherstieg-Knie, das zahlreiche gesetzlich geschützte Biotope aufwies. Auch auf dem binnendeichs gelegenen Gelände, das vormals von der DEA Mineraloelgesellschaft genutzt wurde, hatte sich auf Grund der kompletten Umzäunung eine bis Dato unberührte Fläche mit Kiebitz, Kuckuck sowie seltenen Pflanzen und Biotopen über Jahrzehnte entwickelt; eine wilde Landschaft, die von Biologen als wertvoll eingestuft wurde, obwohl der Boden dieses Geländes durch Industrie und Kriegsgeschehen hochgradig belastet ist und eine schwer zu bewältigende Altlast darstellt – was der Grund dafür sein dürfte, dass diese große Hafenfläche bislang frei von Nutzung geblieben ist. Dennoch dürfen dort jetzt die Festivalbesucher_innen ihre Zelte zum Campen aufschlagen.

Zum Festival 2011 verwandelten sich die ehemaligen Grünflächen in eine stinkende Brühe, von der jede_r Festivalbesucher_in etwas (an den Gummistiefeln) mit nach Hause nehmen durfte. Der Schlamm stank nach Chemie. Obwohl das Problem der Bodenbelastungen allgemein bekannt ist, handelt keine offizielle Stelle. Auch hier wieder ein altes heißes Eisen, das nicht gerne angerührt wird – die Sache wäre imageschädigend, also wird sie verschwiegen. Wie es mit dem Festival weitergeht, ist dennoch nicht klar, handelt es doch sich trotz der großen öffentlichen Aufmerksamkeit nur um eine Zwischennutzung. Dass dort 2.700 Parkplätze für die igs entstehen könnten, wurde von den Zuständigen immer als Option verhandelt. Ein Teil des Areals ist jetzt hingegen offiziell zur Grünanlage erklärt worden, erstmalig in der Hamburger Geschichte zweckgebunden für die Abhaltung von (kommerziellen) Veranstaltungen. Das hat natürlich Vorbildfunktion für die kommerzielle Inwertsetzung anderer öffentlicher Grünflächen.
Dieser Prozess ist kaum zu vermeiden, und auch wenn man einige der Bands, die bei Dockville aufgetreten sind, persönlich gerne mag, muss man zur Kenntnis nehmen, dass diese Massenveranstaltungen Orte neu definieren und die Veranstalter_innen letztlich meistens kaum Einfluss auf diese Definition haben.

Trotzdem sagen die Dockville-Macher_innen in einem Interview im (Umsonst-)„Magazin für Hamburger Gelegenheiten: STADTLICHH“: „Wir sind kein IBA-Festival.“ (Ausgabe Nummer 3)

8. Offene Fragen

Uns geht es hier nicht darum, Noten zu verteilen oder Kunst als solche zu bewerten. Wir begrüßen alle Musikliebhaber_innen, haben nichts gegen „komplexe“ Rauminstallationen oder koffeinhaltige Getränke. Das ist eigentlich selbstverständlich, muss hier aber noch einmal betont werden, weil die erste Abwehr auf die Kritik an der Instrumentalisierung der Kunst ist, man habe einfach einen „schlechten Geschmack“ oder sei „gegen Kunst“.
Nein, aber wir haben mit der Zeit festgestellt, dass wir unter „Experimenten“, „Offenheit“ und „Freiräumen“ meistens das Gegenteil von dem verstehen, was in Wilhelmsburg inszeniert wird. Wir meinen, dass die hier genannten Beispiele zeigen, dass sich der Zugang zu kulturellen Entfaltungsmöglichkeiten für die meisten Bewohner_innen der bespielten Quartiere jedenfalls nicht verbessert – eher verschlechtert. Kunst und Kultur, als Teil des Aufwertungsprozesses in Szene gesetzt, tragen zur sozialen Polarisierung und zur Ausgrenzung bei. Nicht nur Eintrittspreise, auch ein bestimmter Stil, bestimmte Formen erzeugen einen kulturellen Gestus, der sich selbst ein- und andere Formen abgrenzt.
Was für die einen chique und verschönernd wirkt, kann bei anderen ein Gefühl der Fremdheit erzeugen. Kunst und Kultur tragen so auch immer einen bestimmten weiß-deutschen bürgerlichen Stil weiter, der die vermeintliche „Kulturlosigkeit“ der „Anderen“ kommuniziert. Wir suchen nach Möglichkeiten, diese Prozesse der Ausgrenzung bewusst zu machen und womöglich zu stoppen. Wir haben keine Rezepte, aber immerhin zwei Ansatzpunkte.

Der erste Ansatz besteht darin, NEIN zu sagen, sich den Vereinnahmungen und Instrumentalisierung von IBA und Co. zu verweigern!

Ein gutes Beispiel ist in dieser Hinsicht eine Erklärung einer italienischen Künstler_innengruppe, die von der Akademie einer anderen Stadt* für eine Zusammenarbeit gewonnen werden sollte. Im Anhang ist sie unkommentiert veröffentlicht. Wir hoffen natürlich, dass diese Position von vielen Kunst- und Kulturproduzent_innen ebenfalls eingenommen wird, sind aber durch unsere Erfahrungen nicht sehr zuversichtlich.

Eine andere Art, nach Möglichkeiten der Widersetzung zu suchen, ist, zunächst mal einige offene Fragen zu formulieren und Überlegungen anzustellen, die sich aus dem Geschilderten ergeben:

– Wie und wo wird die (vorhandene) Stadtteilkultur und Kunst eigentlich wirklich gefördert? Was ist z.B. mit den ’zig Fussballvereinen, den Dartclubs, dem Schachclub, den Bürgerhäusern und den schon lange ansässigen kleinen Künstler_innen und Kulturschaffenden? Sie bleiben auf der Strecke, wenn sie nicht wichtig für die Imageproduktion sind und werden nur gefördert, wenn sie sich anpassen und in die IBA/igs-Eventkultur einreihen.

– Für wen wird das alles gemacht? Gerne wird es als kulturelle Bildung verkauft, wenn Kunst und Kultur in ärmeren Stadtteilen veranstaltet wird. Schön und gut. Was aber benötigen die Menschen in diesem Stadtteil, um den Alltag bestehen zu können? Für viele wären erst einmal bezahlbare Wohnungen, bessere Arbeitsbedingungen, bessere Löhne, keine Diskriminierungen wichtiger, als die ganze Kunst und Kultur, die jetzt über Wilhelmsburg tonnenweise ausgeschüttet werden. So wie es jetzt läuft, geht es auf Kosten der hier lebenden Menschen.

– Müssten sich Kunst und Kultur jetzt komplett verweigern, oder können sie trotzdem ihr eigene Unabhängigkeit schaffen? Und wenn ja, wie? Wir denken, dass es möglich sein muss, eine finanzielle Förderung für Projekte zu erhalten, ohne gleich „nützlich“ zu sein. Es darf nicht sein, dass (wie gerade angedacht) in der Stadt die Ressorts Kultur und Stadtentwicklung zusammengelegt werden, weil man (wie die aktuelle Kultursenatorin) das für erfolgversprechend hält.

– Was können wir tun, um Alternativen zu den beschriebenen Formen der Kunst und Kulturproduktion zu schaffen? Welche Beispiele gibt es dafür? Wer wären mögliche Bündnispartner_innen?