Interview Britta Peters, 10° Kunst

Interview Britta Peters, 10° Kunst, Anlässlich des von ihr kuratierten Kunstprojektes „Kirche des guten Willens“ im September 2007, Das Gespräch führte Ulrike Väterlein von „ibafluessig“

Britta – Du hast mir ja schon die letzten Tage erzählt, was Du hier so machst, über die Projekte etc. Erzähl doch erst mal, worum es geht bei 10° Kunst, das ist ja auch eins der dazugehörigen Projekte, wo wir hier gerade sitzen [Kirche des guten Willens von Thorsten Passfeld]

10° Kunst ist ein Format, das letztes Jahr schon einmal stattgefunden hat unter dem Titel „10° Kunst – Wege in die Hafencity“. Da war das ein offener Wettbewerb, der allerdings eine sehr enge Ausschreibung hatte, weil es eigentlich um Wege, um Leitsysteme in die Hafencity ging. Das war eine künstlerische Ausschreibung, aber letzten Endes waren bestimmte Achsen vorgegeben auf denen die Projekte stattfinden sollen. Die Zielrichtung war klar: Wege in die Hafencity, es geht darum, den Weg von der Stadt oder anderen Vierteln in die Hafencity zu betonen… Auf das Projekt haben sich relativ wenig Künstler beworben. Normalerweise bewerben sich in Hamburg auf eine offene Ausschreibung zwischen 200 und 300 Künstlern oder Gruppen, und da waren das 65. Das Ergebnis ist von einer Jury ausgewählt worden und ist insgesamt stark kritisiert worden, einmal weil die Ausschreibung sehr eng gesteckt war, und dann auch weil das Ergebnis eine gewisse Beliebigkeit hatte… Für unser diesjähriges 10° Kunst-Projekt war klar, dass das in Wilhelmsburg stattfinden soll.
10° Kunst bezieht sich ja auf den 10. Längengrad, und der beschreibt eben diese Bewegung von der Kunstmeile durch die Hafencity, Wilhelmsburg, Harburg. Es wurde innerhalb der Kunstkommission entschieden, das diesmal in die Hände einer Person zu legen, um eben einfach auf die Kritik an der letzten Ausschreibung zu reagieren. Ich bin vorgeschlagen worden, weil ich hier schon seit 12 Jahren wohne, weil ich aus diesen Kunstzusammenhängen komme, und weil ich kurze Zeit auch so eine Art Beratungsfunktion hatte für die Internationale Bauausstellung. Wobei die Vorschläge, die wir erarbeitet haben, da nicht angenommen wurden.

Du hast gerade die IBA angesprochen. Standen die von vorneherein im Zusammenhang mit dem 10° Kunst-Projekt und war schon vorher klar, dass 10° Kunst 2007 in Wilhelmsburg stattfinden soll wegen des IBA-Auftaktjahres?

Die Kulturbehörde denkt sich natürlich, wenn sie dahin gehen, wo die großen städtebaulichen Projekte sind, dann kommt zu dem Kulturbehördenetat einfach noch Geld von woanders dazu. Und das war in diesem Fall genau so, dass also die immer darauf spekuliert haben, dass die für das Projekt noch Unterstützung bekommen, wenn es in Wilhelmsburg stattfindet. Diesen Antrag oder was das Format 10° Kunst angeht, da müsstest Du vielleicht auf der Webseite auch noch mal gucken, den habe ich extra dort eingestellt, das ist eine Initiative gewesen von Brigitta Martens, das ist die kulturpolitische Sprecherin der CDU, das ist einstimmig verabschiedet worden in der Bürgerschaft… Da steht eigentlich ziemlich genau drin, dass ein Großteil der Gelder, die für Kunst im öffentlichen Raum ausgegeben werden, in die Richtung fließen sollen, die auch für die Stadtentwicklung interessant ist.

Du wurdest dann als Kuratorin ausgewählt?

Ich bin innerhalb der Kunstkommission vorgeschlagen worden und habe das dann gerne angenommen mit der Vorstellung – die ich jetzt auch versucht habe umzusetzen – trotz dieses relativ festgelegten Rahmens hier ein relativ eigenständiges Projekt umzusetzen. Mir geht es vor allem um Kunst, mir geht es überhaupt nicht darum, Werbung zu machen, oder Stadtteilmarketing…

Das hast Du beim letzten Mal auch schon gesagt, dass es Dir darum nicht geht, und dass Du das auch nicht möchtest, und auch nicht so siehst. Von außen betrachtet, wenn man sich so die IBA-Programme im allgemeinen anschaut, das Kunst-und-Kultur-Programm, sieht es natürlich so aus.

Wenn man von außen kommt und diese Projekte sieht, und das Umfeld kennt und weiß, was im Rahmen der IBA geplant ist, dass man den Standort Wilhelmsburg attraktiver machen will etc., gehört das Kunst-und-Kultur-Programm ja schon zu deren Marketing.

Ja, das ist praktisch deren erster Baustein, das ist ja das Auftaktjahr 2007, die haben ja noch nichts gebaut. 2007 der Kunst-und-Kultur-Sommer das ist praktisch die erste Präsentation der IBA. Und 10° Kunst ist ein Format in diesem Gebinde. Und in diesem Programmheft zum Beispiel, weil es ja auch ein einheitliches Layout ist und es auch eine einheitliche Textredaktion gab, wirkt das alles sehr gleich. Da spürt man dann Unterschiede ,also sowohl qualitative als auch von der Positionierung her, bei den einzelnen Projekten nicht, wenn die so in dem Programm zusammengefasst sind. Aber ich denke schon, dass… Ich habe ja auch eine eigene Broschüre herausgegeben und ich habe mir immer Mühe gegeben, auch mit allen schriftlichen und sonstwie Äußerungen es immer relativ transparent zu machen, worum es mir geht. Und habe gleichzeitig auch Projekte ausgewählt, die alle eine gewisse Doppelbödigkeit haben, also mehrere Lesarten anbieten, die z.T. auch – subersiv ist vielleicht ein bisschen hoch gegriffen, aber ein Potential haben, dass man sie auch anders lesen kann. Also z.B. die Berge auf der Mülldeponie… Die Mülldeponie ist auch ein Punkt, der für die IBA interessant ist, weil die dort auch etwas machen wollten. Auf jeden Fall war jetzt die Entscheidung mit Asli Cavusoglu die Ausstellung zu machen mit den zwei aufgeblasenen Bergen. Das funktioniert auf ganz verschiedene Arten, greift einerseits ein bisschen dieses Teletubbies-mäßige auf, das die Mülldeponie sowieso hat, wenn man sie von der Autobahn sieht mit diesen Windrädern, da hat man dann diese beiden Hügel dazu, gleichzeitig sind es künstliche Hügel auf einem künstlichen Hügel, aufgeblasene, also, es spielt so ein bisschen damit, ist natürlich, für die IBA, die immer ein
sichtbares Signal haben wollte, ein großes IBA-Männchen oder so etwas am Eingang zu Wilhelmsburg, gleichzeitig unterläuft es das auf eine Art und Weise, ironisiert es so ein bisschen, dadurch, dass es so aufgeblasen ist, dieser Berg, die Künstlichkeit des Berges wird betont, dadurch dass da zwei künstliche Hügel noch mal aufgesattelt sind…

Es gibt auch Leute, die sagen, „die versuchen sich sogar den Müllberg noch schönzureden mit ein bisschen Kunst…“

Klar, das ist aber auch so was, das machen sie auch in anderen Städten, so eine touristische Verwertung von Umweltkatastrophen… Aber in dem Fall ist es ja so, die „Georgswerder Höhe“ ist ein total toller Ort, der ist bislang ja nur privat, also kein öffentliches Gelände. Mit der Installation von dem Projekt ist es öffentlich zugänglich, wir haben einen Wachdienst organisiert für die Wochenenden, und damit kommt es natürlich auch wieder in die öffentliche Diskussion. Irgendwann wird es darum gehen, was kann da passieren, wenn die Deponie endgültig abgedichtet ist und gesichert ist. Dann könnte das ein öffentlicher Park sein, es könnte aber genau so ein Luxus-Sportgebiet sein und so wieder privat werden. Da finde ich, ist es auch ein Aspekt zu sagen, ich möchte das viele den Ort kennen, die dann, wenn die Diskussion darum beginnt, auch wissen, was sie da verlieren. Wenn solche Entscheidungen dann z.B. in Richtung Nobel-Fitness-Sportzentrum gehen, das dann nicht mehr für jeden zugänglich ist.

Ich würde gerne noch mal kurz auf das Thema Marketing zurück kommen. Ich verstehe es noch nicht so ganz. Ist das für Dich ein Konflikt, zu sagen, von außen sieht das was ich hier an Kunst mache vielleicht aus wie Stadtteilmarketing, aber für mich persönlich ist es das nicht – auch wenn es so aussieht, als würde ich IBA-Werbung machen?

Ja natürlich ist das ein Konflikt, den habe ich aber im Grund mit mir vorher ausgetragen. Und ich habe mich dann entschieden, ich möchte das Geld nehmen und möchte da was Gutes mit machen.
Auch so’n bisschen um vielleicht anderen Leuten nicht das Feld zu überlassen, die dann vielleicht was ganz anderes machen. Das war auf jeden Fall auch eine Motivation. Und dieses, dass ich hier einfach so lange wohne und dass ich immer Arbeiten im Kopf hatte, wo ich dachte, Mensch, das würde hier gut funktionieren oder das würde ich hier gerne mal machen. Meine erste Zielgruppe, wenn Du so willst, sind auf jeden Fall die Anwohner. Das Projekt und auch die ganze Öffentlichkeitsarbeit ist nicht so ausgerichtet, dass es mir darum geht…also, ich finde es natürlich super, wenn Hamburger rüber kommen, um sich das anzugucken, aber meine Grundgedanken bei der Entscheidung, wen nehme ich jetzt noch dazu und wie passt das zusammen, waren häufig auch, wie erreiche ich auch meine Nachbarn. Ich meine, das sind auch Eltern, die ich aus dem
Kindergarten kenne, das sind die Leute, die ich kenne aus dem Gemüseladen.

Glaubst Du, das es trotzdem passieren wird, also die Verdrängungsprozesse, die viele befürchten, dass hier gerade so eine Art künstliche Gentrifizierung vorangetrieben wird, über die ganzen IBA-Aktionen…

Glaubst Du, dass solche Prozesse auch durch ein Projekt wie Deines mit angekurbelt werden?

Ich glaube, man muss das relativ differenziert sehen. Weil, einmal ist es so, dass ich eben auch aufgrund der Erfahrung, dass ich hier schon so lange gewohnt habe, dass der Zustand so, wie er bislang ist oder war – ich weiß gar nicht, wo man da den Cut machen will, es hat sich ja auch schon ein bisschen was geändert – nicht unbedingt einer ist, den man konservieren muss, weil der in vieler Hinsicht wirklich total beschissen ist.
Und die Leute, die darunter leiden, können auch gar nicht weg. Also es sind häufig wirklich die Leute, die gerade vor einem halben Jahr hier hin gezogen sind, die wahnsinnige Gentrifizierungs-Paranoia haben, aber die ja auch gleichzeitig mehr oder weniger die Wahl haben, weil sie unabhängig sind, weil sie Studenten sind und einfach woanders hinziehen können. Aber eine Familie, eine arme Familie die hier seit Generationen lebt, die kann ja gar nicht woanders hinziehen. Also vielleicht nach Neuwiedenthal. Aber, ich meine, Du verbesserst die Situation natürlich auch für die Leute, die hier wohnen.
Bis sie die Miete nicht mehr zahlen können.

Aber das ist auch die Frage, wie so etwas passiert, und wie schnell. Also, ich will das nicht schönreden, aber ich glaube, das ist eine Entwicklung, und die Frage ist, wie transparent ist so eine Entwicklung. Ich sehe zum Beispiel bei der IBA auch die Chance, dass das alles relativ transparent abläuft und dass man eben darauf auch besser reagieren kann als auf einen entrifizierungsprozess wie beispielsweise im Schanzenviertel, der etwas schleichender stattgefunden hat. Im Vergleich dazu ist es in Wilhelmsburg so offensichtlich, dass es jetzt auch schon eine recht breite Front gibt von Leuten, die sich der Probleme bewusst sind und Strategien entwickeln können, wie man darauf reagieren kann. Eine entscheidende Rolle spielt dabei meiner Meinung nach die SAGA, die nämlich irgendwie fast 90% der Wohnungen besitzt. Also, auf der Veddel 90%, in Wilhelmsburg ist es glaube ich etwas weniger. Und da muss man eben gucken, bislang konnte da immer jeder eine Wohnung kriegen, da war auch immer was frei, wenn die aber jetzt die Wahl haben, z.B. zwischen einem Studentenpärchen und einer türkischen Großfamilie und die anfangen, eine bestimmte Politik zu machen, sich beispielsweise nur noch für die jungen Professionellen entscheiden oder Nicht- Migranten, da findet eine Vertreibung statt. Es gibt hier gar nicht so viele Spekulanten, also – es gibt schon Spekulanten, aber es gibt nicht so viel privaten Wohnungsbesitz. Entscheidender für das gesamte Viertel sind die großen Wohnungsbaugesellschaften.

Kennst Du die IBA-Konvention? Hast Du sie unterschrieben?

Nein, ich kenne sie nicht, und bin zum Glück auch nicht aufgefordert worden, sie zu unterschreiben.
Das ist nämlich ziemlich hart, was da drin steht, finde ich. Es geht natürlich um „Sprung über die Elbe“ und „Metropole Hamburg – Wachsende Stadt“, das hast Du ja auf Deiner Homepage auch stehen, dass 10° Kunst quasi in dem Zusammenhang auch steht, das ist ja auch offensichtlich, das steckt ja schon im Namen. Ich habe das aber auf meiner Homepage stehen nicht, weil ich das gut finde, sondern weil das die Rahmenbedingungen sind.

D.h. Du stehst diesen Konzepten durchaus auch kritisch gegenüber?

Na klar. Die „Wachsende Stadt“ zeichnet sich bislang vor allem dadurch aus, dass sie total unsozial ist.
Und was die Transparenz betrifft: Es ist ja tatsächlich sehr transparent, was die IBA macht. Die IBA-Konvention zum Beispiel kann man sich ja auch auf der Homepage herunterladen und da steht ja ganz klar drin, dass es darum geht, den wirtschaftlichen Aufschwung anzukurbeln und im Städtewettbewerb kompatibel zu sein. Kunst und Kultur, Bildung und auch die „ethnische Diversität“ hier, das wird alles als Ressource gesehen, bzw. vielmehr noch als „stabilisierender Faktor“ für den Städtewettbewerb.
Ist es ja auch.
[Schweigen]

Ja, also, es ist einfach so, dass diese sogenannten „weichen Standortfaktoren“, und dazu gehört eben eine lebendige Kulturszene, sind entscheidend in diesem Städtewettbewerb, genau so wie ein maritimes Image, das ist ja auch etwas, das Hamburg immer hervorhebt. Das ist ja in Barcelona genau so. Ich meine, es gab ja jetzt auch diese SPIEGEL-Studie, wo Du genau siehst, welche Städte wachsen und warum. Und das sind genau diese Faktoren.
Ja, nur bei diesem Wachstum geht es ja in Wilhelmsburg auch darum, dass das hier ein citynaher Standort ist, wo noch Wohnflächen frei sind, und wo es darum geht, Leute hierher zu bringen, die vielleicht ein bisschen mehr Steuern zahlen als die, die momentan hier wohnen. Das steht ja auch in den entsprechenden Leitbildern.
Nun ist es ja so, dass McKinsey damals in den Hamburger Senat gegangen ist und gesagt hat: Leute, ihr braucht Steuerzahler in der Stadt. Und Wilhelmsburg ist sehr dünn besiedelt und wenn Du das mal vergleichst mit St. Pauli, kann man erst mal, bevor es überhaupt darum geht, die ansässige Bevölkerung zu vertreiben… das muss man im Moment noch überhaupt nicht. Es würde reichen, wenn die für ihre Neubauten, die im Zusammenhang mit der IBA entstehen, neue Mieter finden.

Kennst Du den Comic, der an den Schulen verteilt wird?

Habe ich mal flüchtig durchgeblättert.

In der Story können sich alle Wilhelmsburger den IBA-Anzug überstreifen, IBA steht für Interstellarer-Bereitschafts-Anzug… also, dieser IBA fällt vom Himmel, streift sich verschiedenen Wilhelmsburgern über, die daraufhin Heldentaten begehen und tolle Sachen erfinden… Mutti hört auf zu rauchen und pflanzt Blumen auf dem Balkon, und alle verstehen sich, weil es plötzlich einen unglaublichen Universalübersetzer als Handy gibt… was aber nicht das Ende der Geschichte ist, dass sich alle untereinander verständigen können, denn dadurch, dass es nun den Universalübersetzer gibt, kommt ein Handyhersteller nach Wilhelmsburg und eine große Hotelkette usw… Findest Du das bedenklich, dass Dinge wie Kommunikation und Verständigung nur als Mittel zum Zweck dargestellt werden?

Ich meine, Euer Projekt muss man ja auch in diesem Zusammenhang sehen. Hier passiert ja relativ viel, die Leute kommen hierher, man kommt ins Gespräch… Ihr schafft ja auch Kommunikation.

Findest Du es in Ordnung, dass es aber im Endeffekt nicht darum geht, hier Menschen zusammenzubringen, die ins Gespräch kommen? Das ist doch an sich eine schöne Sache. Aber im IBA-Kontext geht es immer darum, dass reicht nicht, es geht nicht um Kommunikation und Zusammenkommen, sondern das ist wieder nur ein Schritt auf dem Weg zur Aufwertung des
Stadtteils, der dadurch „netter“ wird und Leute vom Hamburger Festland auf die Elbinsel lockt…

Aber das ist ja ein total diffuses Unbehagen. Ich meine, ich habe das auch oft, so ähnlich wie mit dieser Diskussion um das globale City Ranking… Es geht einfach um Wirtschaft. Ich meine, wir leben im Turbokapitalismus. Du kannst da Deine eigene Position zu finden, Du kannst das auch immer wieder kritisieren, aber es ist an sich total logisch, dass die Dinge so ablaufen wie sie ablaufen. Verstehst Du was ich meine?

Ja. Ganz schön fatalistisch.

Nein, ich meine – ich hab’ ja gesagt. Du kannst ja Deine eigene Position dazu finden.