Interview mit Ulf Freyhoff

Interview mit Ulf Freyhoff et al./ Institut für Telenautik anlässlich der Internationalen Abriss Ausstellung (IAA) in der Jaffestraße/Wilhelmsburg

Das Interview führten Ulrike Väterlein und Oliver J. Haas vom institut.was

Telenautik: Wir hatten am Wochenende hier eine Versteigerung. Da haben wir auch den IBA-Katalog versteigert. Den neuen. Aber zuerst haben wir ihn noch durch den Kakao gezogen, sozusagen. Einmal durchs Feuer, durch den Matsch, und dann sind wir noch darauf herumgetrampelt. Und dann haben wir ihn versteigert. Für 3 Cent ist er weggegangen.

Scheint ja sehr beliebt gewesen zu sein.

Ja, ging sofort weg.

Ihr habt euch ja nicht beworben für den IBA Kunst- und Kultursommer.

Wir haben es überlegt, uns aber dagegen entschieden.

Warum?

Weil wir nicht wollten, dass jemand anderes unsere Ideen benutzt und sich das dann auf die Fahnen schreibt, wie auch in dem Umfeld schon geschehen. Wir haben darüber gesprochen, hatten auch mal ein Projekt vorgeschlagen, ein Funk-Netzwerk-Projekt…

Was für ein Projekt?

Ein Funk-Netzwerk-Projekt, also eine Infrastruktur für beteiligte Künstler übers Internet, mit direkter Dokumentation. Das war mal eine Idee, aber wir haben uns dann aus verschiedenen Gründen dagegen entschieden, u.a. weil die ganze Sache dann von ÜNN gemanagt wurde und wir mit den Herren schlechte Erfahrungen gemacht haben.

Und wie wird das von euch wahrgenommen? Es sind doch unheimlich viele Künstler von der IBA gefördert worden, wenn auch im Einzelfall nicht immer mit großen Summen. Wie kommt das allgemein bei euch an?

Es gibt da ein bisschen Streit. Innerhalb der Hochschule [HfbK] gab es z.B. eine Einladung zu einer Ausstellung über den Hochschulverteiler, von den boykottierenden Studenten, denen die Exmatrikulation droht. Da hieß es „Juchuh, endlich Freiheit, wir gehen woanders hin.“ Da habe ich eine Antwort geschrieben, von wegen die streiken gegen Studiengebühren und gehen dann zu den Stadtentwicklern, das kann es auch nicht sein. Das habe ich mehr als Mitteilung geschrieben, und da waren die, die bei dieser Ausstellung mitgemacht haben, richtig stinkig. Von wegen, wer ich denn wäre, ich könnte doch jetzt nicht von vorneherein über jemanden urteilen, der sich von der IBA sponsern lässt. Wenn das okay läuft für die Leute am Ende, dann ist das legitim, klar, was vom Kuchen abhaben zu wollen. Wir gesagt, wir haben ja auch darüber nachgedacht. Aber wir haben vorher schon schlechte Erfahrung gemacht mit denen, und alles, was man jetzt hört von den Leuten, die da teilgenommen haben, und mit wem man auch spricht, scheint genau die Scheiße passiert zu sein, die man erwartet hat.

In welcher Form?

Dass der Support z.B. für die ganzen Veranstaltungen irrsinnig schlecht ist. Der Nils z.B. der sitzt da in der Kapelle und macht da Musikprogramm, im Auftrag von KuBaSta [Kunst Bauen Stadtentwicklung e.V.] und KuBaSta checkt noch nicht mal die Werbung, also, das funktioniert einfach nicht. Er beutet sich total selbst aus…. Oder Flashbox auf der Spreehafeninsel: Die wussten zwei Tage vorher noch nicht, wo sie ihren Strom herkriegen. Also das hätte ja nun Scholz&Friends oder ÜNN oder irgendwer vorher mal für die klarmachen können. Warum müssen die jetzt, als Aussteller gucken wo sie da Strom herkriegen für ihr Projekt und sich noch mit der Hamburg Port Authority [HPA] streiten? Das finde ich dann Schwachsinn. Also so viel Support muss da sein. Aber das funktioniert einfach nicht.

Es gibt ja das Argument, lieber das Geld zu nehmen, und ein gutes Projekt zu realisieren, als es jemand anderem zu überlassen, der im Zweifelfall irgendeinen Scheiß damit macht. Was haltet ihr davon?

Der Rahmen war ja immer relativ auf Festnageln angelegt. D.h. man hat ein Projekt, das man einreicht, und das darf man dann auch nicht mehr minimal verändern. Also, für die Künstler war das nicht drin. Aber die Projekte wurden dann andersrum von der IBA verändert. Z.B. diese Flashbox-Geschichte, die hatten eigentlich 20.000 Euro beantragt weil sie die Flashbox auf einem Ponton machen wollten. Dann hat die IBA ihnen aber nur 10.000 genehmigt. Da haben sie ewig herumorganisiert und mussten irgendwann feststellen, wir können nicht auf ein Ponton, und mussten das dann alles ganz anders machen. Solche Veränderungen sind dann in offenbar in Ordnung. Aber von Künstlerseite möge man sich haargenau an alle unterschriebenen Sachen halten. Und das sind ganz schön harte Verträge, die die Leute da unterschrieben haben. Das macht echt keinen Spaß.

Und das war euch bewusst? Das war ja vielen Künstlern gar nicht so bewusst, mit der IBA-Konvenion, und den Nutzungsrechten….

Naja, wir kannten die IBA-Konvention vorher nicht, aber das ging aus den Ausschreibungsunterlagen schon hervor, auch die Sache mit den Nutzungsrechten. Und dafür dann 2.000 Euro zu kriegen, das bringt’s dann einfach nicht. Ich meine, die Veranstaltungen die wir hier machen, der Druck der Einladungskarten, das trägt sich auch über den Getränkeverkauf. Und dann habe ich doch lieber gar kein Logo auf meinen Sachen.

Nun geht ihr ja noch weiter. Ihr sagt ja nicht nur, wir machen da nicht mit, weil sich unsere Veranstaltungen selber tragen, sondern ihr nennt diese Nummer hier auch IAA, Internationale Abriss-Ausstellung – das ist ja nicht zufällig…

Nein. Zum einen ist das hier natürlich auch durch unsere Situation gegeben. Die Halle hier wird abgerissen, da liegt das Thema nah, da war der Titel einfach folgerichtig. Wir haben noch andere Sachen überlegt. Talentschuppen, wegen dem tollen „Talentstadt Hamburg“- Konzept. Und dann haben wir überlegt, man will sich ja auch nicht zuviel auf die beziehen, das ist ja auch wieder scheiße. Gleichzeitig kommt das A natürlich vor dem B, und mal ganz im Ernst, man hat Kunst-Abriss-Stadtentwicklung… da kommt der Abriss auf jeden Fall vorher.

Und hat die IBA darauf in irgendeiner Form reagiert?

Nein, gar nicht. Vielleicht waren die ja am Wochenende undercover hier.

Ihr habt ihr so einige Zitate zum Thema Gentrifizierung hängen. Dazu eine Frage: Glaubt ihr, dass das funktionieren wird, was die hier vorhaben? Also gewissermaßen künstlich Aufwertungsprozesse anzukurbeln?

Naja, der Mechanismus der Gentrifizierung dauert ja normalerweise viel, viel länger, als das, was hier versucht wird, künstlich herzustellen oder zu beschleunigen. Das macht natürlich eigentlich entstehende Strukturen kaputt, weil es viel zu viel ist. Diese Dauerpenetration mit Projekten. Ich meine, woher soll das kommen? Wenn man sagt, okay, ich schmeiß’ da jetzt ohne Ende Geld rein, dann fehlt mir eigentlich erst mal das Material zum Verheizen. Also setze ich mich an den Elbtunnel oder an andere Orte, wo ich möglich viele Leute abgreifen kann. Dass das dann vom Niveau her vielleicht nicht ganz so ist, als wenn man da nicht so doll geschoben hätte, ist auch klar.

Was bedeutet denn eigentlich für den einzelnen Künstler der Versuch, die Kunst- und Kulturszene so aktiv für den Aufwertungsprozess zu instrumentalisieren?

Dass Kunst wirklich nur noch Mittel zum Zweck sein soll, um die Leute nach Wilhelmsburg zu locken. Das ist eine ganz blöde Milchmädchenrechnung. Ich habe das schon so oft beobachtet. Ich habe in Kreuzberg gewohnt, also auch die ganze Wanderung innerhalb Berlins mitgemacht. Aber da war das ein Prozess, der aus sich heraus entstanden ist. Nun soll Kunst hier also Motor der Stadtentwicklung ganz konsequent eingesetzt werden. Kulturelle Sukzession, Rolf Kellners Lieblingsbegrifflichkeit [üNN/KuBaSta]. Und dann lässt er sich fotografieren auf dem Dach von deren Büro, vor dem Mercedesstern, im Ledermantel, und sagt im Interview so Sachen wie, was das für ein toller Ort ist da oben, von wegen „von hier oben können wir alles überblicken und kontrollieren….“ da merkst Du auch, was das für Kontrollfreaks sind, da geht denen echt einer ab. Das ist echt beängstigend.

Was löst das unter den Kunstschaffenden aus? Gibt es da verschiedene Lager?

Klar, da gibt es genau diesen Konflikt. Ein Kollege an der Hochschule meinte zum Beispiel, man sollte diese Diskussion fernhalten von den Studenten. Ich habe ihm gesagt, die können selbst entscheiden, ob sie bei so einer Geschichte mitmachen wollen oder nicht, aber ich will sie schon informieren, in was für ein Umfeld sie sich da begeben. Darum habe ich auch diese Email geschrieben, von der ich vorhin erzählt habe. Und er meinte, nein, das sollte man von den Studenten fernhalten. Nach zwanzig Minuten Streit habe ich das Gespräch dann abgebrochen.

Es gibt Künstler die sagen, Geldgeber sind meistens irgendwelche Freaks und es ist relativ egal, wer meine Projekte finanziert. Es geht darum, was man damit macht.

Wir sprechen ja auch mit Sponsoren. Also wenn uns eine Firma mit Materialien sponsert, finde ich das völlig okay. Das ist auf jeden Fall etwas anderes, als von einer Organisation so bewusst hier eingesetzt zu werden. Die Firma, die uns die Materialien sponsert, will auch nicht mit auf dem Flyer stehen. Vielleicht können sie’s von der Steuer absetzen, das reicht denen dann aber auch. So eine Art von Sponsoring finde ich völlig okay. Ich habe mich aber nie und musste mich auch nie mit dem Kunstmarkt so beschäftigen. Klar, wenn Du Maler bist und einen Galeristen hast dann malst Du Deine Bilder auch, damit sie dann in der Galerie hängen und hast keinen Einfluss darauf, wer sie kauft. Ich habe meinen Job an der Hochschule und bin auch heilfroh darüber, dass ich mit meiner Kunst kein Geld verdienen muss. Dadurch bin ich aber natürlich auch in einer komischen Position, um so was zu kritisieren. Wenn Leute damit ihre Brötchen verdienen und das für die so geht, dann sollen sie das machen, aber dann sollen sie auch dazu stehen und sollen sich auch bewusst machen, in welchem Kontext sie sich bewegen. Ich meine Sixt ist jetzt sicher auch nicht 100% politisch korrekt. Die haben das Geländer hier gekauft und uns erlaubt, mit dem ganzen Schrott hier zu machen, was wir wollen. Da sagen wir auch nicht Nein.

Wie geht es weiter mit euch?

Naja, einige von uns wohnen ja auch hier. So einen Raum bekommen wir natürlich nie wieder…

Unser Verhältnis zu dieser ganzen IBA-Geschichte hat sich ja ganz interessant entwickelt. Zu erst mal haben wir schlechte Laune gekriegt und hatten gar keine Lust mehr, überhaupt noch irgendwas zu machen, uns überhaupt in irgendeiner Weise darauf zu beziehen. Aber dann haben wir gedacht, das kann’s ja auch nicht sein. Und haben doch wieder was gemacht. Aber unabhängig. Wie die ganzen Jahre schon. Wir haben immer wieder was gemacht. Man kann’s denen überlassen, und sagen, ich will damit nichts zu tun haben, und an dem Punkt waren wir ja auch Anfang des Jahres. Aber nun bin ich froh, dass wir doch was gemacht haben, das wir das durchgezogen haben.

Was nervt ist aber auch, dass das, was hier an Freiräumen existiert hat, und auch an Möglichkeiten, welche einzurichten, eigentlich komplett „aufgekauft“ worden ist. Es gibt eigentlich für Leute, die nicht der IBA angehören, kaum noch Möglichkeiten, hier überhaupt Räume zu bekommen. Wir haben das schon verschiedenen Leuten mitbekommen, dass Vermieter auf Anfragen hin sagen, dass ihnen eine langfristige Vermietung von der IBA oder KuBaSta in Aussicht gestellt wurde und ihre Räume daher nicht zur Verfügung stehen. So ist gerade die Lage hier. Die haben auch noch die letzten Potentiellen Freiräume hier richtig schön besetzt.