Kunst, Kultur & Kohle ... und gute Beziehungen http://KulturStammtischSued.blogsport.de Über die Rolle künstlerischer Arbeit bei der "Aufwertung" Wilhelmsburgs Sun, 22 Mar 2015 08:36:27 +0000 http://wordpress.org/?v=1.5.1.2 en Download Broschuere „Kunst&Kultur&…“ http://KulturStammtischSued.blogsport.de/2012/02/28/download-der-broschuere/ http://KulturStammtischSued.blogsport.de/2012/02/28/download-der-broschuere/#comments Tue, 28 Feb 2012 12:37:59 +0000 Administrator Übersicht -Alle Texte http://KulturStammtischSued.blogsport.de/2012/02/28/download-der-broschuere/ Download Broschuere
Hier findest Du den Text „Kunst, Kultur und gute Beziehungen“ , gestaltet als kleine A5 Broschüre.

]]>
http://KulturStammtischSued.blogsport.de/2012/02/28/download-der-broschuere/feed/
Interview Britta Peters, 10° Kunst http://KulturStammtischSued.blogsport.de/2012/02/27/18/ http://KulturStammtischSued.blogsport.de/2012/02/27/18/#comments Mon, 27 Feb 2012 17:46:18 +0000 Administrator Interviews http://KulturStammtischSued.blogsport.de/2012/02/27/18/ Interview Britta Peters, 10° Kunst, Anlässlich des von ihr kuratierten Kunstprojektes „Kirche des guten Willens“ im September 2007, Das Gespräch führte Ulrike Väterlein von „ibafluessig“

Britta – Du hast mir ja schon die letzten Tage erzählt, was Du hier so machst, über die Projekte etc. Erzähl doch erst mal, worum es geht bei 10° Kunst, das ist ja auch eins der dazugehörigen Projekte, wo wir hier gerade sitzen [Kirche des guten Willens von Thorsten Passfeld]

10° Kunst ist ein Format, das letztes Jahr schon einmal stattgefunden hat unter dem Titel „10° Kunst – Wege in die Hafencity“. Da war das ein offener Wettbewerb, der allerdings eine sehr enge Ausschreibung hatte, weil es eigentlich um Wege, um Leitsysteme in die Hafencity ging. Das war eine künstlerische Ausschreibung, aber letzten Endes waren bestimmte Achsen vorgegeben auf denen die Projekte stattfinden sollen. Die Zielrichtung war klar: Wege in die Hafencity, es geht darum, den Weg von der Stadt oder anderen Vierteln in die Hafencity zu betonen… Auf das Projekt haben sich relativ wenig Künstler beworben. Normalerweise bewerben sich in Hamburg auf eine offene Ausschreibung zwischen 200 und 300 Künstlern oder Gruppen, und da waren das 65. Das Ergebnis ist von einer Jury ausgewählt worden und ist insgesamt stark kritisiert worden, einmal weil die Ausschreibung sehr eng gesteckt war, und dann auch weil das Ergebnis eine gewisse Beliebigkeit hatte… Für unser diesjähriges 10° Kunst-Projekt war klar, dass das in Wilhelmsburg stattfinden soll.
10° Kunst bezieht sich ja auf den 10. Längengrad, und der beschreibt eben diese Bewegung von der Kunstmeile durch die Hafencity, Wilhelmsburg, Harburg. Es wurde innerhalb der Kunstkommission entschieden, das diesmal in die Hände einer Person zu legen, um eben einfach auf die Kritik an der letzten Ausschreibung zu reagieren. Ich bin vorgeschlagen worden, weil ich hier schon seit 12 Jahren wohne, weil ich aus diesen Kunstzusammenhängen komme, und weil ich kurze Zeit auch so eine Art Beratungsfunktion hatte für die Internationale Bauausstellung. Wobei die Vorschläge, die wir erarbeitet haben, da nicht angenommen wurden.

Du hast gerade die IBA angesprochen. Standen die von vorneherein im Zusammenhang mit dem 10° Kunst-Projekt und war schon vorher klar, dass 10° Kunst 2007 in Wilhelmsburg stattfinden soll wegen des IBA-Auftaktjahres?

Die Kulturbehörde denkt sich natürlich, wenn sie dahin gehen, wo die großen städtebaulichen Projekte sind, dann kommt zu dem Kulturbehördenetat einfach noch Geld von woanders dazu. Und das war in diesem Fall genau so, dass also die immer darauf spekuliert haben, dass die für das Projekt noch Unterstützung bekommen, wenn es in Wilhelmsburg stattfindet. Diesen Antrag oder was das Format 10° Kunst angeht, da müsstest Du vielleicht auf der Webseite auch noch mal gucken, den habe ich extra dort eingestellt, das ist eine Initiative gewesen von Brigitta Martens, das ist die kulturpolitische Sprecherin der CDU, das ist einstimmig verabschiedet worden in der Bürgerschaft… Da steht eigentlich ziemlich genau drin, dass ein Großteil der Gelder, die für Kunst im öffentlichen Raum ausgegeben werden, in die Richtung fließen sollen, die auch für die Stadtentwicklung interessant ist.

Du wurdest dann als Kuratorin ausgewählt?

Ich bin innerhalb der Kunstkommission vorgeschlagen worden und habe das dann gerne angenommen mit der Vorstellung – die ich jetzt auch versucht habe umzusetzen – trotz dieses relativ festgelegten Rahmens hier ein relativ eigenständiges Projekt umzusetzen. Mir geht es vor allem um Kunst, mir geht es überhaupt nicht darum, Werbung zu machen, oder Stadtteilmarketing…

Das hast Du beim letzten Mal auch schon gesagt, dass es Dir darum nicht geht, und dass Du das auch nicht möchtest, und auch nicht so siehst. Von außen betrachtet, wenn man sich so die IBA-Programme im allgemeinen anschaut, das Kunst-und-Kultur-Programm, sieht es natürlich so aus.

Wenn man von außen kommt und diese Projekte sieht, und das Umfeld kennt und weiß, was im Rahmen der IBA geplant ist, dass man den Standort Wilhelmsburg attraktiver machen will etc., gehört das Kunst-und-Kultur-Programm ja schon zu deren Marketing.

Ja, das ist praktisch deren erster Baustein, das ist ja das Auftaktjahr 2007, die haben ja noch nichts gebaut. 2007 der Kunst-und-Kultur-Sommer das ist praktisch die erste Präsentation der IBA. Und 10° Kunst ist ein Format in diesem Gebinde. Und in diesem Programmheft zum Beispiel, weil es ja auch ein einheitliches Layout ist und es auch eine einheitliche Textredaktion gab, wirkt das alles sehr gleich. Da spürt man dann Unterschiede ,also sowohl qualitative als auch von der Positionierung her, bei den einzelnen Projekten nicht, wenn die so in dem Programm zusammengefasst sind. Aber ich denke schon, dass… Ich habe ja auch eine eigene Broschüre herausgegeben und ich habe mir immer Mühe gegeben, auch mit allen schriftlichen und sonstwie Äußerungen es immer relativ transparent zu machen, worum es mir geht. Und habe gleichzeitig auch Projekte ausgewählt, die alle eine gewisse Doppelbödigkeit haben, also mehrere Lesarten anbieten, die z.T. auch – subersiv ist vielleicht ein bisschen hoch gegriffen, aber ein Potential haben, dass man sie auch anders lesen kann. Also z.B. die Berge auf der Mülldeponie… Die Mülldeponie ist auch ein Punkt, der für die IBA interessant ist, weil die dort auch etwas machen wollten. Auf jeden Fall war jetzt die Entscheidung mit Asli Cavusoglu die Ausstellung zu machen mit den zwei aufgeblasenen Bergen. Das funktioniert auf ganz verschiedene Arten, greift einerseits ein bisschen dieses Teletubbies-mäßige auf, das die Mülldeponie sowieso hat, wenn man sie von der Autobahn sieht mit diesen Windrädern, da hat man dann diese beiden Hügel dazu, gleichzeitig sind es künstliche Hügel auf einem künstlichen Hügel, aufgeblasene, also, es spielt so ein bisschen damit, ist natürlich, für die IBA, die immer ein
sichtbares Signal haben wollte, ein großes IBA-Männchen oder so etwas am Eingang zu Wilhelmsburg, gleichzeitig unterläuft es das auf eine Art und Weise, ironisiert es so ein bisschen, dadurch, dass es so aufgeblasen ist, dieser Berg, die Künstlichkeit des Berges wird betont, dadurch dass da zwei künstliche Hügel noch mal aufgesattelt sind…

Es gibt auch Leute, die sagen, „die versuchen sich sogar den Müllberg noch schönzureden mit ein bisschen Kunst…“

Klar, das ist aber auch so was, das machen sie auch in anderen Städten, so eine touristische Verwertung von Umweltkatastrophen… Aber in dem Fall ist es ja so, die „Georgswerder Höhe“ ist ein total toller Ort, der ist bislang ja nur privat, also kein öffentliches Gelände. Mit der Installation von dem Projekt ist es öffentlich zugänglich, wir haben einen Wachdienst organisiert für die Wochenenden, und damit kommt es natürlich auch wieder in die öffentliche Diskussion. Irgendwann wird es darum gehen, was kann da passieren, wenn die Deponie endgültig abgedichtet ist und gesichert ist. Dann könnte das ein öffentlicher Park sein, es könnte aber genau so ein Luxus-Sportgebiet sein und so wieder privat werden. Da finde ich, ist es auch ein Aspekt zu sagen, ich möchte das viele den Ort kennen, die dann, wenn die Diskussion darum beginnt, auch wissen, was sie da verlieren. Wenn solche Entscheidungen dann z.B. in Richtung Nobel-Fitness-Sportzentrum gehen, das dann nicht mehr für jeden zugänglich ist.

Ich würde gerne noch mal kurz auf das Thema Marketing zurück kommen. Ich verstehe es noch nicht so ganz. Ist das für Dich ein Konflikt, zu sagen, von außen sieht das was ich hier an Kunst mache vielleicht aus wie Stadtteilmarketing, aber für mich persönlich ist es das nicht – auch wenn es so aussieht, als würde ich IBA-Werbung machen?

Ja natürlich ist das ein Konflikt, den habe ich aber im Grund mit mir vorher ausgetragen. Und ich habe mich dann entschieden, ich möchte das Geld nehmen und möchte da was Gutes mit machen.
Auch so’n bisschen um vielleicht anderen Leuten nicht das Feld zu überlassen, die dann vielleicht was ganz anderes machen. Das war auf jeden Fall auch eine Motivation. Und dieses, dass ich hier einfach so lange wohne und dass ich immer Arbeiten im Kopf hatte, wo ich dachte, Mensch, das würde hier gut funktionieren oder das würde ich hier gerne mal machen. Meine erste Zielgruppe, wenn Du so willst, sind auf jeden Fall die Anwohner. Das Projekt und auch die ganze Öffentlichkeitsarbeit ist nicht so ausgerichtet, dass es mir darum geht…also, ich finde es natürlich super, wenn Hamburger rüber kommen, um sich das anzugucken, aber meine Grundgedanken bei der Entscheidung, wen nehme ich jetzt noch dazu und wie passt das zusammen, waren häufig auch, wie erreiche ich auch meine Nachbarn. Ich meine, das sind auch Eltern, die ich aus dem
Kindergarten kenne, das sind die Leute, die ich kenne aus dem Gemüseladen.

Glaubst Du, das es trotzdem passieren wird, also die Verdrängungsprozesse, die viele befürchten, dass hier gerade so eine Art künstliche Gentrifizierung vorangetrieben wird, über die ganzen IBA-Aktionen…

Glaubst Du, dass solche Prozesse auch durch ein Projekt wie Deines mit angekurbelt werden?

Ich glaube, man muss das relativ differenziert sehen. Weil, einmal ist es so, dass ich eben auch aufgrund der Erfahrung, dass ich hier schon so lange gewohnt habe, dass der Zustand so, wie er bislang ist oder war – ich weiß gar nicht, wo man da den Cut machen will, es hat sich ja auch schon ein bisschen was geändert – nicht unbedingt einer ist, den man konservieren muss, weil der in vieler Hinsicht wirklich total beschissen ist.
Und die Leute, die darunter leiden, können auch gar nicht weg. Also es sind häufig wirklich die Leute, die gerade vor einem halben Jahr hier hin gezogen sind, die wahnsinnige Gentrifizierungs-Paranoia haben, aber die ja auch gleichzeitig mehr oder weniger die Wahl haben, weil sie unabhängig sind, weil sie Studenten sind und einfach woanders hinziehen können. Aber eine Familie, eine arme Familie die hier seit Generationen lebt, die kann ja gar nicht woanders hinziehen. Also vielleicht nach Neuwiedenthal. Aber, ich meine, Du verbesserst die Situation natürlich auch für die Leute, die hier wohnen.
Bis sie die Miete nicht mehr zahlen können.

Aber das ist auch die Frage, wie so etwas passiert, und wie schnell. Also, ich will das nicht schönreden, aber ich glaube, das ist eine Entwicklung, und die Frage ist, wie transparent ist so eine Entwicklung. Ich sehe zum Beispiel bei der IBA auch die Chance, dass das alles relativ transparent abläuft und dass man eben darauf auch besser reagieren kann als auf einen entrifizierungsprozess wie beispielsweise im Schanzenviertel, der etwas schleichender stattgefunden hat. Im Vergleich dazu ist es in Wilhelmsburg so offensichtlich, dass es jetzt auch schon eine recht breite Front gibt von Leuten, die sich der Probleme bewusst sind und Strategien entwickeln können, wie man darauf reagieren kann. Eine entscheidende Rolle spielt dabei meiner Meinung nach die SAGA, die nämlich irgendwie fast 90% der Wohnungen besitzt. Also, auf der Veddel 90%, in Wilhelmsburg ist es glaube ich etwas weniger. Und da muss man eben gucken, bislang konnte da immer jeder eine Wohnung kriegen, da war auch immer was frei, wenn die aber jetzt die Wahl haben, z.B. zwischen einem Studentenpärchen und einer türkischen Großfamilie und die anfangen, eine bestimmte Politik zu machen, sich beispielsweise nur noch für die jungen Professionellen entscheiden oder Nicht- Migranten, da findet eine Vertreibung statt. Es gibt hier gar nicht so viele Spekulanten, also – es gibt schon Spekulanten, aber es gibt nicht so viel privaten Wohnungsbesitz. Entscheidender für das gesamte Viertel sind die großen Wohnungsbaugesellschaften.

Kennst Du die IBA-Konvention? Hast Du sie unterschrieben?

Nein, ich kenne sie nicht, und bin zum Glück auch nicht aufgefordert worden, sie zu unterschreiben.
Das ist nämlich ziemlich hart, was da drin steht, finde ich. Es geht natürlich um „Sprung über die Elbe“ und „Metropole Hamburg – Wachsende Stadt“, das hast Du ja auf Deiner Homepage auch stehen, dass 10° Kunst quasi in dem Zusammenhang auch steht, das ist ja auch offensichtlich, das steckt ja schon im Namen. Ich habe das aber auf meiner Homepage stehen nicht, weil ich das gut finde, sondern weil das die Rahmenbedingungen sind.

D.h. Du stehst diesen Konzepten durchaus auch kritisch gegenüber?

Na klar. Die „Wachsende Stadt“ zeichnet sich bislang vor allem dadurch aus, dass sie total unsozial ist.
Und was die Transparenz betrifft: Es ist ja tatsächlich sehr transparent, was die IBA macht. Die IBA-Konvention zum Beispiel kann man sich ja auch auf der Homepage herunterladen und da steht ja ganz klar drin, dass es darum geht, den wirtschaftlichen Aufschwung anzukurbeln und im Städtewettbewerb kompatibel zu sein. Kunst und Kultur, Bildung und auch die „ethnische Diversität“ hier, das wird alles als Ressource gesehen, bzw. vielmehr noch als „stabilisierender Faktor“ für den Städtewettbewerb.
Ist es ja auch.
[Schweigen]

Ja, also, es ist einfach so, dass diese sogenannten „weichen Standortfaktoren“, und dazu gehört eben eine lebendige Kulturszene, sind entscheidend in diesem Städtewettbewerb, genau so wie ein maritimes Image, das ist ja auch etwas, das Hamburg immer hervorhebt. Das ist ja in Barcelona genau so. Ich meine, es gab ja jetzt auch diese SPIEGEL-Studie, wo Du genau siehst, welche Städte wachsen und warum. Und das sind genau diese Faktoren.
Ja, nur bei diesem Wachstum geht es ja in Wilhelmsburg auch darum, dass das hier ein citynaher Standort ist, wo noch Wohnflächen frei sind, und wo es darum geht, Leute hierher zu bringen, die vielleicht ein bisschen mehr Steuern zahlen als die, die momentan hier wohnen. Das steht ja auch in den entsprechenden Leitbildern.
Nun ist es ja so, dass McKinsey damals in den Hamburger Senat gegangen ist und gesagt hat: Leute, ihr braucht Steuerzahler in der Stadt. Und Wilhelmsburg ist sehr dünn besiedelt und wenn Du das mal vergleichst mit St. Pauli, kann man erst mal, bevor es überhaupt darum geht, die ansässige Bevölkerung zu vertreiben… das muss man im Moment noch überhaupt nicht. Es würde reichen, wenn die für ihre Neubauten, die im Zusammenhang mit der IBA entstehen, neue Mieter finden.

Kennst Du den Comic, der an den Schulen verteilt wird?

Habe ich mal flüchtig durchgeblättert.

In der Story können sich alle Wilhelmsburger den IBA-Anzug überstreifen, IBA steht für Interstellarer-Bereitschafts-Anzug… also, dieser IBA fällt vom Himmel, streift sich verschiedenen Wilhelmsburgern über, die daraufhin Heldentaten begehen und tolle Sachen erfinden… Mutti hört auf zu rauchen und pflanzt Blumen auf dem Balkon, und alle verstehen sich, weil es plötzlich einen unglaublichen Universalübersetzer als Handy gibt… was aber nicht das Ende der Geschichte ist, dass sich alle untereinander verständigen können, denn dadurch, dass es nun den Universalübersetzer gibt, kommt ein Handyhersteller nach Wilhelmsburg und eine große Hotelkette usw… Findest Du das bedenklich, dass Dinge wie Kommunikation und Verständigung nur als Mittel zum Zweck dargestellt werden?

Ich meine, Euer Projekt muss man ja auch in diesem Zusammenhang sehen. Hier passiert ja relativ viel, die Leute kommen hierher, man kommt ins Gespräch… Ihr schafft ja auch Kommunikation.

Findest Du es in Ordnung, dass es aber im Endeffekt nicht darum geht, hier Menschen zusammenzubringen, die ins Gespräch kommen? Das ist doch an sich eine schöne Sache. Aber im IBA-Kontext geht es immer darum, dass reicht nicht, es geht nicht um Kommunikation und Zusammenkommen, sondern das ist wieder nur ein Schritt auf dem Weg zur Aufwertung des
Stadtteils, der dadurch „netter“ wird und Leute vom Hamburger Festland auf die Elbinsel lockt…

Aber das ist ja ein total diffuses Unbehagen. Ich meine, ich habe das auch oft, so ähnlich wie mit dieser Diskussion um das globale City Ranking… Es geht einfach um Wirtschaft. Ich meine, wir leben im Turbokapitalismus. Du kannst da Deine eigene Position zu finden, Du kannst das auch immer wieder kritisieren, aber es ist an sich total logisch, dass die Dinge so ablaufen wie sie ablaufen. Verstehst Du was ich meine?

Ja. Ganz schön fatalistisch.

Nein, ich meine – ich hab’ ja gesagt. Du kannst ja Deine eigene Position dazu finden.

]]>
http://KulturStammtischSued.blogsport.de/2012/02/27/18/feed/
Interview mit Ulf Freyhoff http://KulturStammtischSued.blogsport.de/2012/02/27/interview-mit-ulf-freyhoff/ http://KulturStammtischSued.blogsport.de/2012/02/27/interview-mit-ulf-freyhoff/#comments Mon, 27 Feb 2012 17:38:22 +0000 Administrator Übersicht -Alle Texte Interviews http://KulturStammtischSued.blogsport.de/2012/02/27/interview-mit-ulf-freyhoff/ Interview mit Ulf Freyhoff et al./ Institut für Telenautik anlässlich der Internationalen Abriss Ausstellung (IAA) in der Jaffestraße/Wilhelmsburg

Das Interview führten Ulrike Väterlein und Oliver J. Haas vom institut.was

Telenautik: Wir hatten am Wochenende hier eine Versteigerung. Da haben wir auch den IBA-Katalog versteigert. Den neuen. Aber zuerst haben wir ihn noch durch den Kakao gezogen, sozusagen. Einmal durchs Feuer, durch den Matsch, und dann sind wir noch darauf herumgetrampelt. Und dann haben wir ihn versteigert. Für 3 Cent ist er weggegangen.

Scheint ja sehr beliebt gewesen zu sein.

Ja, ging sofort weg.

Ihr habt euch ja nicht beworben für den IBA Kunst- und Kultursommer.

Wir haben es überlegt, uns aber dagegen entschieden.

Warum?

Weil wir nicht wollten, dass jemand anderes unsere Ideen benutzt und sich das dann auf die Fahnen schreibt, wie auch in dem Umfeld schon geschehen. Wir haben darüber gesprochen, hatten auch mal ein Projekt vorgeschlagen, ein Funk-Netzwerk-Projekt…

Was für ein Projekt?

Ein Funk-Netzwerk-Projekt, also eine Infrastruktur für beteiligte Künstler übers Internet, mit direkter Dokumentation. Das war mal eine Idee, aber wir haben uns dann aus verschiedenen Gründen dagegen entschieden, u.a. weil die ganze Sache dann von ÜNN gemanagt wurde und wir mit den Herren schlechte Erfahrungen gemacht haben.

Und wie wird das von euch wahrgenommen? Es sind doch unheimlich viele Künstler von der IBA gefördert worden, wenn auch im Einzelfall nicht immer mit großen Summen. Wie kommt das allgemein bei euch an?

Es gibt da ein bisschen Streit. Innerhalb der Hochschule [HfbK] gab es z.B. eine Einladung zu einer Ausstellung über den Hochschulverteiler, von den boykottierenden Studenten, denen die Exmatrikulation droht. Da hieß es „Juchuh, endlich Freiheit, wir gehen woanders hin.“ Da habe ich eine Antwort geschrieben, von wegen die streiken gegen Studiengebühren und gehen dann zu den Stadtentwicklern, das kann es auch nicht sein. Das habe ich mehr als Mitteilung geschrieben, und da waren die, die bei dieser Ausstellung mitgemacht haben, richtig stinkig. Von wegen, wer ich denn wäre, ich könnte doch jetzt nicht von vorneherein über jemanden urteilen, der sich von der IBA sponsern lässt. Wenn das okay läuft für die Leute am Ende, dann ist das legitim, klar, was vom Kuchen abhaben zu wollen. Wir gesagt, wir haben ja auch darüber nachgedacht. Aber wir haben vorher schon schlechte Erfahrung gemacht mit denen, und alles, was man jetzt hört von den Leuten, die da teilgenommen haben, und mit wem man auch spricht, scheint genau die Scheiße passiert zu sein, die man erwartet hat.

In welcher Form?

Dass der Support z.B. für die ganzen Veranstaltungen irrsinnig schlecht ist. Der Nils z.B. der sitzt da in der Kapelle und macht da Musikprogramm, im Auftrag von KuBaSta [Kunst Bauen Stadtentwicklung e.V.] und KuBaSta checkt noch nicht mal die Werbung, also, das funktioniert einfach nicht. Er beutet sich total selbst aus…. Oder Flashbox auf der Spreehafeninsel: Die wussten zwei Tage vorher noch nicht, wo sie ihren Strom herkriegen. Also das hätte ja nun Scholz&Friends oder ÜNN oder irgendwer vorher mal für die klarmachen können. Warum müssen die jetzt, als Aussteller gucken wo sie da Strom herkriegen für ihr Projekt und sich noch mit der Hamburg Port Authority [HPA] streiten? Das finde ich dann Schwachsinn. Also so viel Support muss da sein. Aber das funktioniert einfach nicht.

Es gibt ja das Argument, lieber das Geld zu nehmen, und ein gutes Projekt zu realisieren, als es jemand anderem zu überlassen, der im Zweifelfall irgendeinen Scheiß damit macht. Was haltet ihr davon?

Der Rahmen war ja immer relativ auf Festnageln angelegt. D.h. man hat ein Projekt, das man einreicht, und das darf man dann auch nicht mehr minimal verändern. Also, für die Künstler war das nicht drin. Aber die Projekte wurden dann andersrum von der IBA verändert. Z.B. diese Flashbox-Geschichte, die hatten eigentlich 20.000 Euro beantragt weil sie die Flashbox auf einem Ponton machen wollten. Dann hat die IBA ihnen aber nur 10.000 genehmigt. Da haben sie ewig herumorganisiert und mussten irgendwann feststellen, wir können nicht auf ein Ponton, und mussten das dann alles ganz anders machen. Solche Veränderungen sind dann in offenbar in Ordnung. Aber von Künstlerseite möge man sich haargenau an alle unterschriebenen Sachen halten. Und das sind ganz schön harte Verträge, die die Leute da unterschrieben haben. Das macht echt keinen Spaß.

Und das war euch bewusst? Das war ja vielen Künstlern gar nicht so bewusst, mit der IBA-Konvenion, und den Nutzungsrechten….

Naja, wir kannten die IBA-Konvention vorher nicht, aber das ging aus den Ausschreibungsunterlagen schon hervor, auch die Sache mit den Nutzungsrechten. Und dafür dann 2.000 Euro zu kriegen, das bringt’s dann einfach nicht. Ich meine, die Veranstaltungen die wir hier machen, der Druck der Einladungskarten, das trägt sich auch über den Getränkeverkauf. Und dann habe ich doch lieber gar kein Logo auf meinen Sachen.

Nun geht ihr ja noch weiter. Ihr sagt ja nicht nur, wir machen da nicht mit, weil sich unsere Veranstaltungen selber tragen, sondern ihr nennt diese Nummer hier auch IAA, Internationale Abriss-Ausstellung – das ist ja nicht zufällig…

Nein. Zum einen ist das hier natürlich auch durch unsere Situation gegeben. Die Halle hier wird abgerissen, da liegt das Thema nah, da war der Titel einfach folgerichtig. Wir haben noch andere Sachen überlegt. Talentschuppen, wegen dem tollen „Talentstadt Hamburg“- Konzept. Und dann haben wir überlegt, man will sich ja auch nicht zuviel auf die beziehen, das ist ja auch wieder scheiße. Gleichzeitig kommt das A natürlich vor dem B, und mal ganz im Ernst, man hat Kunst-Abriss-Stadtentwicklung… da kommt der Abriss auf jeden Fall vorher.

Und hat die IBA darauf in irgendeiner Form reagiert?

Nein, gar nicht. Vielleicht waren die ja am Wochenende undercover hier.

Ihr habt ihr so einige Zitate zum Thema Gentrifizierung hängen. Dazu eine Frage: Glaubt ihr, dass das funktionieren wird, was die hier vorhaben? Also gewissermaßen künstlich Aufwertungsprozesse anzukurbeln?

Naja, der Mechanismus der Gentrifizierung dauert ja normalerweise viel, viel länger, als das, was hier versucht wird, künstlich herzustellen oder zu beschleunigen. Das macht natürlich eigentlich entstehende Strukturen kaputt, weil es viel zu viel ist. Diese Dauerpenetration mit Projekten. Ich meine, woher soll das kommen? Wenn man sagt, okay, ich schmeiß’ da jetzt ohne Ende Geld rein, dann fehlt mir eigentlich erst mal das Material zum Verheizen. Also setze ich mich an den Elbtunnel oder an andere Orte, wo ich möglich viele Leute abgreifen kann. Dass das dann vom Niveau her vielleicht nicht ganz so ist, als wenn man da nicht so doll geschoben hätte, ist auch klar.

Was bedeutet denn eigentlich für den einzelnen Künstler der Versuch, die Kunst- und Kulturszene so aktiv für den Aufwertungsprozess zu instrumentalisieren?

Dass Kunst wirklich nur noch Mittel zum Zweck sein soll, um die Leute nach Wilhelmsburg zu locken. Das ist eine ganz blöde Milchmädchenrechnung. Ich habe das schon so oft beobachtet. Ich habe in Kreuzberg gewohnt, also auch die ganze Wanderung innerhalb Berlins mitgemacht. Aber da war das ein Prozess, der aus sich heraus entstanden ist. Nun soll Kunst hier also Motor der Stadtentwicklung ganz konsequent eingesetzt werden. Kulturelle Sukzession, Rolf Kellners Lieblingsbegrifflichkeit [üNN/KuBaSta]. Und dann lässt er sich fotografieren auf dem Dach von deren Büro, vor dem Mercedesstern, im Ledermantel, und sagt im Interview so Sachen wie, was das für ein toller Ort ist da oben, von wegen „von hier oben können wir alles überblicken und kontrollieren….“ da merkst Du auch, was das für Kontrollfreaks sind, da geht denen echt einer ab. Das ist echt beängstigend.

Was löst das unter den Kunstschaffenden aus? Gibt es da verschiedene Lager?

Klar, da gibt es genau diesen Konflikt. Ein Kollege an der Hochschule meinte zum Beispiel, man sollte diese Diskussion fernhalten von den Studenten. Ich habe ihm gesagt, die können selbst entscheiden, ob sie bei so einer Geschichte mitmachen wollen oder nicht, aber ich will sie schon informieren, in was für ein Umfeld sie sich da begeben. Darum habe ich auch diese Email geschrieben, von der ich vorhin erzählt habe. Und er meinte, nein, das sollte man von den Studenten fernhalten. Nach zwanzig Minuten Streit habe ich das Gespräch dann abgebrochen.

Es gibt Künstler die sagen, Geldgeber sind meistens irgendwelche Freaks und es ist relativ egal, wer meine Projekte finanziert. Es geht darum, was man damit macht.

Wir sprechen ja auch mit Sponsoren. Also wenn uns eine Firma mit Materialien sponsert, finde ich das völlig okay. Das ist auf jeden Fall etwas anderes, als von einer Organisation so bewusst hier eingesetzt zu werden. Die Firma, die uns die Materialien sponsert, will auch nicht mit auf dem Flyer stehen. Vielleicht können sie’s von der Steuer absetzen, das reicht denen dann aber auch. So eine Art von Sponsoring finde ich völlig okay. Ich habe mich aber nie und musste mich auch nie mit dem Kunstmarkt so beschäftigen. Klar, wenn Du Maler bist und einen Galeristen hast dann malst Du Deine Bilder auch, damit sie dann in der Galerie hängen und hast keinen Einfluss darauf, wer sie kauft. Ich habe meinen Job an der Hochschule und bin auch heilfroh darüber, dass ich mit meiner Kunst kein Geld verdienen muss. Dadurch bin ich aber natürlich auch in einer komischen Position, um so was zu kritisieren. Wenn Leute damit ihre Brötchen verdienen und das für die so geht, dann sollen sie das machen, aber dann sollen sie auch dazu stehen und sollen sich auch bewusst machen, in welchem Kontext sie sich bewegen. Ich meine Sixt ist jetzt sicher auch nicht 100% politisch korrekt. Die haben das Geländer hier gekauft und uns erlaubt, mit dem ganzen Schrott hier zu machen, was wir wollen. Da sagen wir auch nicht Nein.

Wie geht es weiter mit euch?

Naja, einige von uns wohnen ja auch hier. So einen Raum bekommen wir natürlich nie wieder…

Unser Verhältnis zu dieser ganzen IBA-Geschichte hat sich ja ganz interessant entwickelt. Zu erst mal haben wir schlechte Laune gekriegt und hatten gar keine Lust mehr, überhaupt noch irgendwas zu machen, uns überhaupt in irgendeiner Weise darauf zu beziehen. Aber dann haben wir gedacht, das kann’s ja auch nicht sein. Und haben doch wieder was gemacht. Aber unabhängig. Wie die ganzen Jahre schon. Wir haben immer wieder was gemacht. Man kann’s denen überlassen, und sagen, ich will damit nichts zu tun haben, und an dem Punkt waren wir ja auch Anfang des Jahres. Aber nun bin ich froh, dass wir doch was gemacht haben, das wir das durchgezogen haben.

Was nervt ist aber auch, dass das, was hier an Freiräumen existiert hat, und auch an Möglichkeiten, welche einzurichten, eigentlich komplett „aufgekauft“ worden ist. Es gibt eigentlich für Leute, die nicht der IBA angehören, kaum noch Möglichkeiten, hier überhaupt Räume zu bekommen. Wir haben das schon verschiedenen Leuten mitbekommen, dass Vermieter auf Anfragen hin sagen, dass ihnen eine langfristige Vermietung von der IBA oder KuBaSta in Aussicht gestellt wurde und ihre Räume daher nicht zur Verfügung stehen. So ist gerade die Lage hier. Die haben auch noch die letzten Potentiellen Freiräume hier richtig schön besetzt.

]]>
http://KulturStammtischSued.blogsport.de/2012/02/27/interview-mit-ulf-freyhoff/feed/
Web/Literatur http://KulturStammtischSued.blogsport.de/2012/01/24/webliteratur/ http://KulturStammtischSued.blogsport.de/2012/01/24/webliteratur/#comments Tue, 24 Jan 2012 12:55:52 +0000 Administrator Übersicht -Alle Texte http://KulturStammtischSued.blogsport.de/2012/01/24/webliteratur/

Gutachten der BSU und der Stadt Hamburg zum Thema „Kreative Milieus“: http://www.hamburg.de/contentblob/2052460/data/gutachten-kreative-milieus.pdf (SEHR AUFSCHLUSSREICH !)

Arbeitskreis Umstrukturierung Wilhelmsburg: Alles, alles verkehrt. 4 Kritikpunkte zur IBA (http://aku-wilhelmsburg.blog.de/)

Manifest, Not in Our Name Marke Hamburg (http://nionhh.wordpress.com/)

Ligna: Die IBA gewinnt immer (http://www.thing-hamburg.de/index.php?id=888)

Brigitta Huhnke: Wild-West in Wilhelmsburg. Kitsch oder gegenkulturelle Intervention? (http://www.thing-hamburg.de)

Museo Aero Solar sagt: Not In Our Name, IBA (http://www.rechtaufstadt.net/5584/museo-aero-solar-sagt-not-our-name-iba)

]]>
http://KulturStammtischSued.blogsport.de/2012/01/24/webliteratur/feed/
Zeittafel http://KulturStammtischSued.blogsport.de/2012/01/24/zeittafel/ http://KulturStammtischSued.blogsport.de/2012/01/24/zeittafel/#comments Tue, 24 Jan 2012 12:47:56 +0000 Administrator Übersicht -Alle Texte http://KulturStammtischSued.blogsport.de/2012/01/24/zeittafel/

2002

Ankündigung von Ole von Beust des Projekts „Wachsende Stadt“

2003

Internationaler Architekturworkshop zum Sprung über die Elbe

2003

Zuschlag für eine Bundesgartenschau 2013 in Wilhelmsburg

2006

Gründung der 100% städtischen IBA-GmbH

2007

Gründung der Gartenschau-GmbH (2/3 städtisch)

2007

1. Präsentationsjahr der IBA Hamburg mit dem „Kunst und Kultursommer“

2007

Erstes „IBA-Elbinsel-Festival“ auf dem Gelände des Fährstiegs

2008

Zweiter „IBA-Elbinselsommer“ mit Festival auf dem Gelände des Fährstiegs

2008

Beginn der IBA Kunstplattform mit dem Projekt „Kultur/Natur“

2009

Weiterführung der IBA Kunstplattform von der „Akademie einer anderen Stadt“

2010

Museo Aero Solar sagt: Not In Our Name, IBA

2011

Bettina Kiehn, Geschäftsführerin des Bürgerhaus Wilhelmsburg, erteilt der „IBA-Kultur“ eine Absage zur weiteren Zusammenarbeit

2013

Abschlussjahr beider Grossveranstaltungen: IBA+igs

]]>
http://KulturStammtischSued.blogsport.de/2012/01/24/zeittafel/feed/
Glossar http://KulturStammtischSued.blogsport.de/2012/01/24/glossar/ http://KulturStammtischSued.blogsport.de/2012/01/24/glossar/#comments Tue, 24 Jan 2012 12:38:35 +0000 Administrator Übersicht -Alle Texte http://KulturStammtischSued.blogsport.de/2012/01/24/glossar/ Glossar

HPA. Die Hamburg Port Authority (HPA) ist eine Anstalt öffentlichen Rechts. Sie ist für die Stadt Hamburg Eigentümerin des überwiegenden Teils der Hafengrundstücke und der Hafeninfrastruktur. Sie entstand am 1. Oktober 2005 aus dem früheren Amt für Strom- und Hafenbau der Wirtschaftsbehörde. Die HPA ist für die behördlichen Belange des Hamburger Hafens zuständig. Mit gut 1.900 Beschäftigten betreibt die HPA das Hafenmanagement und ist Ansprechpartner für alle Fragen der wasser- und landseitigen Infrastruktur, der Sicherheit des Schiffsverkehrs, der Hafenbahnanlagen, des Immobilienmanagements und der wirtschaftlichen Bedingungen im Hafen.“ (Wikipedia)

IBA Hamburg.
„Die IBA Hamburg ist die Internationale Bauausstellung in Hamburg im Zeitraum von 2007 bis 2013. Sie findet in den Stadtteilen Wilhelmsburg und Veddel sowie im Binnenhafen von Harburg statt.“ Unter dem Motto „Entwürfe für die Zukunft der Metropole“ will sie sich nach eigenen Angaben der „europäischen Metropole im 21. Jahrhundert“ widmen und sich den hier konzentrierenden städtebaulichen und stadtpolitischen Herausforderungen stellen. Mit baulichen, sozialen und kulturellen Projekten will sie zeigen, „wie die Metropole von morgen auf die Herausforderungen von Globalisierung, Polarisierung und Klimawandel reagieren kann“.

So jedenfalls die Selbstdarstellung. Als 100-prozentige Tochtergesellschaft der Freien und Hansestadt Hamburg ist die IBA Hamburg GmbH mit der Realisation der Bauausstellung beauftragt, wobei der Verkauf städtischer Grundstücke an Investoren ein wesentlicher Bestandteil ist; finanziert wird das Vorhaben mit 100 Millionen Euro aus Sonderinvestitionsprogrammen der Freien und Hansestadt Hamburg. Der Begriff IBA ist nicht geschützt, derartige „Ausstellungen“ unterliegen keiner zeitlichen Koordination und keinen Qualitätsstandards. Inzwischen ist die IBA ein Synonym für Gentrifizierung, d.h. Umstrukturierung, Verdrängung von ärmeren Teilen der Bevölkerung und Aufwertung einzelner Quartiere Wilhelmsburgs geworden. (http:// www.iba-hamburg.de)

igs 2013. Zunächst als IGA (Internationale Gartenbau-Ausstellung) geplant. Dafür erhielt Hamburg allerdings keinen Zuschlag. Es wird nun eine BuGa (Bundesgartenschau) abgehalten, die in Anlehnung an den entgangenen Titel „igs“ (Internationale Gartenschau) genannt wird. Eine BuGa ist eine Ausstellung zu den Themen Garten, Landschaftsarchitektur, Landschaftsbau, Pflanzenzucht und Gartengeräte/-möbel. Üblicherweise werden diese Leistungsschauen der betreffenden Gewerke mit nicht geringen öffentlichen Mitteln gefördert. Die Idee einer Gartenschau 2013 mit einer Stadtteilentwicklungskomponente in Wilhelmsburg wurde ca. 2000 publik und stammte aus der damals noch unabhängigen Umweltbehörde. Die Baubehörde reagierte zeitverzögert mit dem Ausruf einer IBA – zur selben Zeit am selben Ort. Mittlerweile ist die Umweltbehörde von der Baubehörde (feindlich) übernommen: die BSU (Behörde für Stadtentwicklung und Umwelt) beaufsichtigt IBA und Gartenschau. Beide haben die Rechtsform einer GmbH.

Das vormals öffentliche Gelände, auf der die Gartenschau stattfinden soll (ca. 100 ha), ist der GmbH anhand gegeben worden, was deutlich macht, dass es um den Verkauf der Flächen geht (http://real-estate.hamburg.de/anhandgabe/).
Die Gesellschaft hat einen Durchführungshaushalt, der auf Krediten beruht. Seit dem Beginn der Bauphase wurden auf dem „igs-Gelände“ viele tausend Bäume gefällt, Sträucher gerodet, Biotope trockengelegt und zerstört, große Mengen Abraum aufgeschüttet, Hunderte von Kleingärtner_innen vertrieben und große Flächen der „neuen Mitte“ Wilhelmsburgs eingezäunt und für den öffentlichen Verkehr gesperrt. Diese Auswirkungen und die rohe Gangart der igs wird inzwischen auch von der lokalen Öffentlichkeit kritisiert.(http://www. igs2013.de)

„Akademie einer anderen Stadt“, die IBA Kunstplattform (ab 2009) http://www.mitwisser.net/system/category/texte

Südbalkon –Förderkoje für Kunst und Kultur (http://www.südbalkon.org/)
„Es ist nicht mehr wie noch vor einem Jahr. Alle unsere Bemühungen der letzten Wochen um einen neuen Treffpunkt erbrachten nur Erkenntnisse über zu teure Mieten hier bei uns in Wilhelmsburg.“

Insel-Lichtspiele e.V., mobiles Kino für die Elbinsel, Filmreihe „Wem gehört die Stadt“ (2010) „Unter diesem Motto zeigt das mobile Kino Insel-Lichtspiele e.V. regionales und internationales Filmwerk, als Freiluft- und als Indoor-Kino. Dokumentationen und Spielfilme beleuchten die Themen Stadtentwicklung / Gentrifizierung / Umstrukturierung. Die Film- und Veranstaltungsreihe versucht, hinter die Kulissen zu schauen: Neben Filmen sollen Diskussionen, Stadtteiltouren und eine Fotoausstellung Perspektiven und Alternativen aufzeigen. Die Veranstaltungsorte liegen inmitten der Planungsgebiete der Internationalen Bauausstellung und der Internationalen Gartenschau, die hier in Wilhelmsburg stattfinden.“ (http://www. Insel-lichtspiele.de)

KünstlerCommunity Wilhelmsburg. „Kunst- & Kreativzentrum Veringhöfe. Als internationale Gemeinschaft haben sich Künstler und Kreative im Jahr 2010 zusammengeschlossen, um bis 2012 in Wilhelmsburg ein Zentrum für Kunst und Kreativität entstehen zu lassen – einen attraktiven Ort mit begeisterungsfähigen Menschen und nutzerfreundlichen Produktionsmöglichkeiten. Von Seiten der IBA Hamburg sollen die Veringhöfe dazu bis 2012 bei einfachstem Innenausbau energetisch saniert werden, um auch langfristig ein interessantes Mietniveau für Künstler und Start-Up-Unternehmen aus der Kreativwirtschaft zu garantieren.
Das IBA-Projekt wird unter dem Titel KünstlerCommunity Wilhelmsburg von den Projektentwicklern conecco UG – Management städtischer Kultur und STATTBAU Hamburg GmbH umgesetzt. Ziel ist die modellhafte Entwicklung von „Räumen für die Kunst“ sowie die Schaffung dauerhafter Strukturen für Künstler und Kulturproduzenten auf den Elbinseln.“ (http://www.veringhoefe.de/)

Kultur |Natur: Kunst und Philosophie im Kontext der Stadtentwicklung(2008) (http://www.natur-kultur.net/)

Ligna. http://ligna.blogspot.com/: „Die Gruppe LIGNA existiert seit 1997 und besteht aus den Medien- und Performancekünstlern Ole Frahm, Michael Hüners und Torsten Michaelsen. […] Allen Arbeiten von LIGNA ist gemein, dass sie ihr Publikum als zerstreutes Kollektiv von ProduzentInnen begreifen. In temporären Assoziationen kann es unvorhersehbare, unkontrollierbare Effekte hervorbringen, die die Ordnung eines Raumes herausfordern.“
Not in our Name, Marke Hamburg!. Manifest auf: http://nionhh.wordpress.com/about/

Soulkitchen-Halle. http://www.facebook.com/Soulkitchenhalle#!/Soulkitchenhalle?sk=info

Universität der Nachbarschaften / HCU Hamburg. Zitat HCU-Internetseite: „Kampnagel wird in unregelmäßigen Abständen Performances in dem ehemaligen Wilhelmsburger Gesundheitsamt veranstalten. Den Auftakt gestaltet die Wiener Performance-Gang God´s Entertainment. Getreu dem Motto „Kunst als Erreger“ treiben sie ihr Unwesen in dem Gebäude. Aus Motiven des Films „Shivers“ von David Cronenberg entwickeln die Unterhaltungskünstler eine ansteckende Performancereise in die eigenen inneren und andere unbekannte Welten. Im Vorfeld werden Gerüche und Gerüchte gestreut, die auf symbolischer Ebene die berechtigten Ängste der Anwohner vor der Gentrifizierung Wilhelmsburgs widerspiegeln. God´s Entertainment wird auf Wilhelmsburg losgelassen: da werden Kontakte geknüpft, Komplizenschaften geschmiedet und eine Impfstelle gegen „Antiismus“ eingerichtet. Jugendprojekte, Altersheime und die direkte Nachbarschaft, sowie andere Künstler können und sollen „angesteckt“ werden. Angesteckt mit der Idee, das leere Gebäude wieder zu beleben. Diese Strategie ist als Kick-Off für eine Serie von Performances in dem Gebäude hilfreich, da sie Grenzen in den Köpfen abbaut. Ohne Schirm, mit viel Charme und eventuell einer Melone.“ (siehe: http://udn.hcu-hamburg.de/wordpress/?cat=17)

Auszug aus Interview mit Ulf Freyhoff et al./ Institut für Telenautik und IBAfluessig anlässlich der Internationalen Abriss Ausstellung (IAA) in der Jaffestraße/Wilhelmsburg:

„Was nervt ist aber auch, dass das, was hier an Freiräumen existiert hat, und auch an Möglichkeiten, welche einzurichten, eigentlich komplett „aufgekauft“ worden ist. Es gibt eigentlich für Leute, die nicht der IBA angehören, kaum noch Möglichkeiten, hier überhaupt Räume zu bekommen. Wir haben schon verschiedenen Leuten mitbekommen, dass Vermieter auf Anfragen hin sagen, dass ihnen eine langfristige Vermietung von der IBA oder KuBaSta in Aussicht gestellt wurde und ihre Räume daher nicht zur Verfügung stehen. So ist gerade die Lage hier. Die haben auch noch die letzten potentiellen Freiräume hier richtig schön besetzt.“

]]>
http://KulturStammtischSued.blogsport.de/2012/01/24/glossar/feed/
Kunst Kultur & Kohle… und gute Beziehungen http://KulturStammtischSued.blogsport.de/2012/01/23/kunst-kultur-kohle-und-gute-beziehungen/ http://KulturStammtischSued.blogsport.de/2012/01/23/kunst-kultur-kohle-und-gute-beziehungen/#comments Mon, 23 Jan 2012 15:55:18 +0000 Administrator Übersicht -Alle Texte http://KulturStammtischSued.blogsport.de/2012/01/23/kunst-kultur-kohle-und-gute-beziehungen/ Über die Rolle künstlerischer Arbeit bei der Aufwertung Wilhelmsburgs

1. Warum wir diesen Text geschrieben haben

Künstlerische Arbeit ist erprobter Teil der Inwertsetzung öffentlicher Räume und der Aufwertung von Stadtteilen: ob im Rahmen der Integration der Subkultur in St. Pauli oder im Schanzenviertel in hippe Vergnügungsmeilen oder im Rahmen der „Bespielung“ der HafenCity. Auch Wilhelmsburg macht da keine Ausnahme. Im Gegenteil: Kunst und Kultur wurden seit Anfang des vergangenen Jahrzehnts von Senat, Kulturbehörde und natürlich der Internationalen Bauausstellung Hamburg (IBA)*, sowie der Internationalen Gartenschau 2013 (igs)* gezielt als Teil der Neudefinition eines vorher als „gefährlich“ definierten Stadtteils eingesetzt.

Wir möchten im Folgenden die Rolle künstlerischer Arbeit in diesen Prozessen hinterfragen: ausdrücklich geht es uns nicht darum, die Produkte dieser Arbeit zu bewerten oder einzelne Künstler_innen an den Pranger zu stellen. Aber wir halten auch für den Stadtteil Wilhelmsburg eine Diskussion über Alternativen zu gegenwärtig dominanten Formen von Kunstproduktion für überfällig – Alternativen, die anderswo unter dem Label Not in Our Name, Marke Hamburg!* ins Spiel gebracht wurden. Wir wünschen uns künstlerische und kulturelle Arbeit, die sich nicht vom Stadt-Marketing der IBA instrumentalisieren lässt. Dabei ist unsere Perspektive von eigenen Erfahrungen mit kulturellen und künstlerischen Arbeiten in Wilhelmsburg geprägt – von dem mobilen Kino Insel-Lichtspiele* bis zum Lädenleuchten-Projekt*.

Wir haben gute und schlechte Erfahrungen mit diesen Projekten gemacht; auch die Erfahrung, dass selbst gut gemeinte und gedachte und sogar im Stadtteil verankerte Arbeiten oft unter der Dominanz der großflächigen „Bespielung“ durch IBA und igs untergehen. Wir haben kein Patentrezept für eine kulturelle Arbeit, die nicht direkt oder indirekt zur Gentrifizierung beiträgt – das gilt ausdrücklich auch für unsere eigenen Arbeiten. Aber wir denken, dass ein Grundproblem die Beteiligung von Kulturschaffenden bzw. Künstler_innen an IBA- und igs-Projekten ist. Wir meinen, dass die im Folgenden dokumentierten Erfahrungen zeigen, dass es sinnlos ist, eine Beteiligung an solchen Projekten als Versuch zu verstehen, das viele dort ausgegebene Geld „sinnvoll“ umzulenken.

.

Deshalb sagen wir: Not in our Name, IBA Hamburg!

.

2. Hintergründe: Kunst, Kultur und IBA Hamburg

Seit etwa Mitte der 2000er Jahre konzentrierten Kulturbehörde und Co. die Förderung von Kunst im öffentlichen Raum auf Wilhelmsburg. Entsprechend stark wurde der Konkurrenzkampf der oft außerordentlich prekarisiert arbeitenden und lebenden Künstler_innen darum, Projekte in diesem von der Stadtpolitik mit ihrem Verwertungsinteresse neu „entdeckten“ Stadtteil zu machen.

Während Not in Our Name, Marke Hamburg! 2009 in der Hamburger Innenstadt, als Protest gegen die Instrumentalisierung der Kunst im Stadtmarketing, sehr laut war, und spätestens seit der Besetzung des Gängeviertels auch in den Mittelpunkt der „Recht auf Stadt“-Bewegung rückte, blieb das Thema in Wilhelmsburg relativ leise. Das mag auch damit zusammenhängen, dass ein kleiner, aber durchaus prominenter Teil derjenigen, die jenseits der Elbe gegen die Instrumentalisierung künstlerischen Arbeit auftraten, diesseits der Elbe (in Wilhelmsburg) an IBA-Projekten teilnahmen.

Oppositionelle und kritische Positionen – der Protest gegen steigende Mieten, die Ausbeutung und Entwürdigung der Mieter_innen im Korallus- und Bahnhofsviertel, die Naturzerstörungen der igs und sinnlose Prestigeprojekte der IBA –kamen in Wilhelmsburg nur sporadisch von Künstler_innen und Kulturschaffenden. Wenn im Rahmen von Kunstprojekten auch Kritik an der Stadtentwicklung geübt werden sollte, dann geschah dies in aller Regel – wie das Beispiel der Gruppe Ligna*, die sich später deshalb selbst kritisierte, deutlich zeigte, – ohne einen längerfristigen Bezug zum Stadtteil. „Wunschproduktionen“ und ähnliches, Interviews mit Bewohner_innen des Stadtteils oder das Aufgreifen Wilhelmsburger Migrationsgeschichten blieben durchgehend leicht konsumierbar, weil sie oft keinerlei Verbindung zum Alltag schaffen konnten. Anders gesagt: wenn die Ausstellung abgebaut und die Künstler_innen abgereist sind, ist von der Geschichte nichts mehr zu hören.

Das ist besonders schade und problematisch, weil dieser Stadtteil zur gleichen Zeit immer mehr in den Fokus von Strategien der Erzeugung von Aufmerksamkeit geriet, die in erster Linie Investor_innen anlocken sollten. 2007, mit Beginn des „1. IBA-Kunst- und Kultursommers“, wurde künstlerische Arbeit als „Experimentierfeld“ verstanden und in „Laboren“ verrichtet. Viele Kunst- und Kulturschaffende konnten schon bald dazu eine Konzeptidee bei IBA/igs einreichen. Finanzielle Mittel waren, ganz im Gegensatz zur Situation im Kulturbetrieb insgesamt, hier reichlich vorhanden. IBA und igs übernahmen die Regie, und beide verstanden „Kulturförderung“ ganz entsprechend ihrer noch durch den CDU-geführten Senat definierten Aufgabe von vornherein als Teil des Stadtmarketing (was sich unter der jetzigen SPD-Regierung nicht erkennbar geändert hat). Es blieben zwar einige IBA-kritische Stimmen innerhalb der lokalen Kunstproduktion und auch einige nicht von der IBA geförderten Projekte (Lädenleuchten, Insel-Lichtspiele, Südbalkon, Institut für Telenautik*), es konnte jedoch keine laute gemeinsame IBA-kritische Stimme innerhalb der künstlerischen Arbeit vor Ort etabliert werden.
Das Gegenteil war der Fall.

3. Kunst als Verwertungsmaschine: Das Gegenteil von Freiräumen

Eines der ersten Wilhelmsburger IBA-Kooperations-Projekte war die von „KuBaSta e.V.“initiierte „Halle Dreizehn“ auf dem Puhst-Hof im Reiherstiegviertel. Die Räume wurden im Rahmen des 1. IBA-Kunst- und Kultursommers 2007 finanziert und wurden innerhalb des darauffolgenden Jahres Schauplatz verschiedenster Veranstaltungen: Modenschauen, Konzerte, Filmabende, Kunst-Performances, Ausstellungen und sonstige Events. Der Versuch – mitten im Gestank der benachbarten Nordischen Oelwerke – die Widersprüche der Aufwertung Wilhelmsburgs zu thematisieren, wurde im Rahmen dieses Projektes so gut wie überhaupt nicht unternommen. Dabei zeigte sich schon zu diesem Zeitpunkt das Problem, dass die IBA und die beteiligten Kunst- und Kulturschaffenden für sich selbst reklamierten, die Wilhelmsburger Künstler_innen zu repräsentieren. Die Forderung nach einer Aufwertung des Stadtteils wurde passenderweise mit dem Bild unterlegt, dass es „hier bisher nichts gibt“. Ignoriert wurde, dass es in der Tat bereits seit vielen Jahren unauffällige Räume für „Experimente“ gab – neben den bereits erwähnten zahlreiche weitere, die aus den diversen Alltagen des Viertels entstanden sind. Diese wurden von den neuen „Entdecker_innen“ jedoch sorgfältig ausgeklammert, da sie sich nicht vergleichbar eindeutig als Stadtmarketing verkaufen ließen und lassen wollten.

Die Träger_innen der Halle Dreizehn erklärten 2007 auf ihrer Homepage:

„Wer die Situation auf der Elbinsel Wilhelmsburg kennt, der wird zustimmen, dass es an Räumen fehlt, wo Experimente gerne gesehen sind. Ob für Bildende oder Darstellende Kunst, für Musik oder Kommunikation. Räume, selbst wenn sie ‚nur’ als homebase für Projekte im öffentlichen Raum dienen, sind wichtig. Mit der Halle Dreizehn steht nun ein Ort zur Verfügung, der offen ist für Experimente, für Ausstellungen und künstlerisches Schaffen sowie für Events. Die Halle liegt verkehrsgünstig an der Neuhöfer Straße 23 (im Puhst-Gewerbehof). Getragen wird die Halle Dreizehn vom Büro überNormalNull, das seit mehreren Jahren an der Schnittstelle Kunst und Stadtentwicklung arbeitet; u.a. wurde von üNN die Hafensafari, tune, Kreuzwege konzeptionell mitentwickelt. Inhaltlich gefüllt wird das Programm u.a. durch den Verein KuBaSta – Raum für Kunst Bauen Stadtentwicklung e.V., der seit 2005 am Münzplatz hinterm Hühnerposten einen offenen Kunst- und Projektraum betreibt, die ehem. Friedhofskapelle an der Mengestraße letztes Jahr wiederbelebte und letztens an der Mannesallee eine aktivierende Bürgerbeteiligung durchführte. Die IBA Hamburg 2013 fördert das Projekt für die ersten zwölf Monate durch einen Mietkostenzuschuß. Programm, Ausstattung und Betreuung der Halle müssen frei erwirtschaftet werden. Die Initiatoren wollen einen Beitrag leisten, um Künstler, Kunst- und Kulturinteressierte, Musikliebhaber, kommunikationsfreudige Menschen und die BewohnerInnen der Elbinseln miteinander in Kontakt zu bringen, ihnen eine Plattform bieten für Selbstdarstellung und Erprobung.“

Was an dieser Erklärung auch im Nachhinein noch interessant ist, ist dreierlei: Erstens wird mit einem wirklichen Mangel argumentiert (auch in Wilhelmsburg gibt es beispielsweise Mangel an preiswerten Ateliers und zugleich jede Menge sowohl teure als auch leerstehende Ladenflächen). Zweitens bleibt aber unerwähnt, dass es durchaus Räume gibt, die selbstorganisiert und ohne IBA-Label genutzt werden. So wird die im IBA-Sprachgebrauch zur „Elbinsel“ umgetaufte Gegend zu einer Art terra incognita, einer Gegend, in der es bisher angeblich keine „Entfaltungsmöglichkeiten“ gab, während im Zusammenhang der IBA nun endlich „Experimente gern gesehen sind“. Drittens wird das zugrundeliegende Arrangement verschwiegen: Es handelt sich lediglich um eine temporäre Nutzung. Es ist – um ein in der Auseinandersetzung um das Gängeviertel entstandenes Bild zu zitieren –, die Ankündigung dass die Künstler_innen „brav ihre Bildchen einpacken“ werden, wenn Investor_innen oder Hafenwirtschaft mit der Höherverwertung des Ortes beginnen möchten. Seitdem gibt es so viele Beispiele für derartige Vereinbarungen, dass die Vermutung naheliegt, dass es genau darum geht.
Temporäre Nutzungen unter dem Label der IBA oder der igs sind darauf ausgelegt, dass auf weitergehende Ansprüche verzichtet wird. Es werden keineswegs nachhaltig Orte oder gar Freiräume für künstlerische Arbeit geschaffen, sondern eng umgrenzte Projekte, die im Rahmen der Aufwertungsmaschine jene „Spannung“ produzieren sollen, die zeitweise gebraucht wird, um Investitionen in Schwung zu bringen.
Unter anderen Umständen wurde dies in der Kunst-Bespielung von Freiflächen in der HafenCity deutlich, während die Besetzung des Gängeviertels dieser Art der Instrumentalisierung eine Grenze setzte. Spätestens seit der Entstehung der „Recht auf Stadt“-Bewegung steht diese Strategie im Gegensatz zu einer Kunst- und Kulturproduktion, die sich als Teil einer Bewegung versteht, die gegen Leerstand, Mieterhöhungen und Instrumentalisierung von Kunst und Kultur protestiert. In Wilhelmsburg wurde seit dem IBA-Kunst- und Kultursommer 2007 eine Sub-Kultur imitiert, die einmal unter ganz anderen politischen Voraussetzungen entstand und die sich heute gegen die Enteignung ihrer Symbole und Zeichen und die Entpolitisierung ihrer Inhalte wehrt. Künstlerische Arbeit und Stadtteilkultur sind unter den Vorzeichen der IBA unseres Erachtens in Wilhelmsburg nicht einfach nur „schön“, „cool“ oder „spannend“, sondern unvermeidlich Teil des Konfliktes um die „Aufwertung“ des Stadtteils.

Trotz der sicherlich prekären Situation von Kunstproduzent_innen und kulturellen Einrichtungen – sich an solchen „temporären Nutzungen“ zu beteiligen, ist es kein Naturgesetz: Als Beispiel für eine kritische Reaktion auf die Kunst- und Kulturpolitik der IBA sei das Bürgerhaus Wilhelmsburg erwähnt, das jüngst aus der Kooperation mit der IBA ausstieg. Vom Bürgerhaus, das auf öffentliche Gelder angewiesen ist und in dem diverse IBA-Großevents stattfanden, war bis vor kurzem Kritik kaum zu erwarten und zuvor auch nicht zu beobachten. Dennoch: Auch hier war das Maß irgendwann voll. Die Leiterin des Hauses hielt im November 2011 im Rahmen eines „IBA-Labors“ namens „Kunst in der Stadt“ – anders als die Choreografie der Veranstaltung es vorsah – eine Rede:
Sie wies einerseits auf den Motivationsunterschied von Kunstproduktion aus Künstler_innenperspektive und der Immobilienverwertungslogik der IBA hin und machte andererseits das Verständnis des Bürgerhaus-Teams von Kultur, Beteiligung und Kooperation klar – und sie erklärte, dass dieses mit demjenigen der IBA nicht in Übereinstimmung zu bringen sei. Zuvor hatte die IBA ein von ihr selbst initiiertes „Bündnis für die Kunst“ obstruiert: Dort waren auch Veranstaltungen für das Jahr 2014 geplant worden, worauf die IBA nachsteuerte und diese wieder absagte:
Ganz offensichtlich will sie alle Kunst-Events auf ihr Abschlussjahr 2013 konzentrieren.

4. Kunst als Pseudo-Partizipation: Das Gegenteil von Demokratie

Dabei wird das Problem der Nachhaltigkeit von der IBA selbst keineswegs verschwiegen. Spätestens 2009 wird in ihren Publikationen – mindestens zwischen den Zeilen und manchmal auch konkret – diskutiert, dass die mangelnde Kontinuität und die immer neuen Projekte die Akzeptanz der Kunst-Bespielung des Stadtteils in Frage stellen könnten. So wurde u.a. die „Akademie einer anderen Stadt“ 2009 als neues Vorzeige(kunst)-projekt gefunden.

Die beteiligungsorientierte und kritische Perspektive, die sich im Titel dieser Veranstaltung andeutet, ist aber im Rahmen einer Politik, die die nachweislich auf Innenstadtniveau liegende Mietsteigerungen für „moderat“ erklärt und die weiterhin große Flächen in den Wilhelmsburger Quartieren ökologisch beschädigt und privatisiert, schwer einzulösen. An der ersten Ausstellung dieses Projekts kritisierten beteiligte Schulklassen die Instrumentalisierung durch die Kurator_innen. Andere Künstler_innengruppen – wie die in der Anlage dokumentierte Erklärung aus Mailand zeigt – winkten bereits bei der Anfrage nach Beteiligung ab.

In einem Artikel des Wilhelmsburger Wochenblatts (Dezember 2011) werden die Kuratorinnen der „Akademie einer anderen Stadt“ zitiert:

„Immer mehr Künstler lassen sich ganz direkt auf die Stadt, in der sie leben, ein. Sie werden von den Menschen und den Situationen bewegt, die ihnen begegnen, anstatt im Elfenbeinturm vor sich hinzuwerkeln“.

Was die Veranstalter_innen mit „sich auf den Stadtteil einlassen“ meinen, wird aus einer Anekdote im Rahmen einer Ausstellungseröffnung auf dem Parkdeck beim Bahnhof Wilhelmsburg deutlich: Als sich zu den (geladenen) Gästen einige „migrantisch“ aussehende männliche Besucher gesellten, wurden diese sofort von der Security der „Akademie einer anderen Stadt“ aus dieser Veranstaltung entfernt. Offensichtlich stellten die besagten jungen Leute schon mit ihrer Anwesenheit eine Bedrohung für die Veranstalter_innen dar.

(siehe auch den Artikel Multikulti, ja bitte – aber nicht an meinem Tisch … ? im Wilhelmsburger Inselrundblick, http://www.inselrundblick.de/Archiv/2010/10%20Okt.pdf).

Ein weiteres Beispiel ist auch die „Universität der Nachbarschaften“ (UdN)*, ein ausgelagerter Teil der Hafen-City-Universität, die sich 2009 in einem Abbruchgebäude in Wilhelmsburg ansiedelte. Zitat:

„Mit der Universität der Nachbarschaften entsteht ein integrierender Arbeits- und Veranstaltungsort, der ebenso Raum des Lernens und Forschens ist, wie ein Ort der Begegnung unterschiedlicher Kulturen und Erfahrungen. Über einen Zeitraum von fünf Jahren verhandelt das Projekt ‚Universität der Nachbarschaften’ (UdN) das forschende Erarbeiten und Erproben zeitgemäßer Bildungsformen an der Schnittstelle von Kultur, Wissen und Stadtentwicklung.“

Im Rahmen einer Kunstperfomance wurde die Wiener Performancegruppe Gods Entertainment eingeladen. Sie waren im Auftrag von Kampnagel (mit der IBA als Kooperationspartner) für die Bespielung des leerstehenden ehemaligen Gesundheitsamts am Rotenhäuser Damm für zwei Wochen in Wilhelmsburg unterwegs. Ohne Ortskenntnisse versuchten sie, Bildungsträger, (Jugendliche des) Haus der Jugend, Sozialeinrichtungen, lokale Künstler_innen und Anwohner_innen durch Grillen, Getränkeausschank und Performances einzubinden. Solange Gods Entertainment zusammen mit dem interessierten Publikum tagsüber „performte“, schien alles schön unbekümmert und witzig. Die Realität brach dann aber eines Abends über sie ein, als das Bildungs- und Partypublikum abgezogen war: Einige örtliche Jugendliche randalierten und wurden gegenüber den Veranstaltern ungemütlich – so wurden doch noch Widersprüche zwischen gelebter Wilhelmsburger Realität und der Parallelwelt der UdN sichtbar.

Dass es zu solchen Konflikten kommt, liegt vor allem daran, dass die genannten Kunstprojekte die Stadtteile, in denen sie auftreten, de facto oder wie im Falle von God’s Entertainment explizit als „Experimenteller Auftrittsort“ ansehen, das „bespielt“ werden kann. Ob der Widerspruch zwischen der flotten Ankündigung der Gruppe,„God´s Entertainment wird auf Wilhelmsburg losgelassen: da werden Kontakte geknüpft, Komplizenschaften geschmiedet und eine Impfstelle gegen ‚Antiismus‚ eingerichtet“ und ihrem anderswo angedeuteten leeren Protest-Gestus aufgefallen ist?

5. Kunst am Industriekanal: Das Gegenteil von „Ökologie“

Der Versuch, die Aufwertung des Stadtteils durch andauernde Events zu verkleiden, in denen „Bürgerbeteiligung“ simuliert wird, bedeutet, dass es sehr schwierig ist, innerhalb dieses Prozesses eine kritische Stimme zu erheben. Wenn es zwischen den Bedenken, die einzelne Kunst- und Kulturprojekte formulieren und den Protesten gegen die Verschlechterung der sozialen Verhältnisse im Stadtteil keine Verbindung gibt, werden solche „kritischen Stimmen“ schnell nichts anderes als ein Beleg für den vorgeblich „offenen“ Charakter der IBA. So konnte etwa eine der Kurator_innen des IBA-Kunst- und Kultursommers 2007 in einer IBA-Broschüre die mangelnde Verankerung und Nachhaltigkeit dieses Projekts ankreiden.
Viel gewonnen wird dadurch nicht, außer vielleicht der Eindruck, man habe es mit besten Absichten versucht, sei aber am Ende leider gescheitert. Auch das ist ein Teil der Instrumentalisierung: „Kritische Stimmen“ sind durchaus gefragt, solange sie nichts bewirken.

Wenn viele der groß angelegten IBA-Projekte platzen und die Bewohner_innen des bespielten Stadtteils am Ende nur Mietsteigerungen, Baumfällungen oder hohe Eintrittspreise in früher öffentlichen Parks wahrnehmen, dann braucht man schon den einen oder anderen „kritischen Ton“, der suggeriert, die IBA würde entsprechende Konsequenzen ziehen, wenn sie Probleme erkannt hat. So dienen Kritiken, sobald sie mit dem Logo der IBA versehen werden, systematisch einerseits zur Legitimation des Projektes, andererseits werden sie in der Gesamtschau der Massen von Image-Broschüren und Büchern, mit deren Produktion sich die IBA befasst, absolut marginal. Und schließlich: unsere Prognose ist, dass Uli Hellweg selbst spätestens im Jahr nach der IBA konstatieren wird, dass die Kunstprojekte im Rahmen des IBA Kunst- und Kultursommers „nicht nachhaltig“ waren („kritisch“, wie er eben ist). Der Clou ist vielmehr: sie sollen nicht „nachhaltig“ sein. Was Teil einer Verwertungskette ist, ist nicht nachhaltig, sondern dazu da, nach Verwertung zu verschwinden.

Gleichzeitig hat die Kritik auch Grenzen, wie zum Beispiel am IBA-Kunstprojekt Kultur/Natur* 2008 zu sehen ist. Schwerpunkt dieses Projekts war eine Auseinandersetzung mit Umweltzerstörung und Klimawandel, ein Thema, das die IBA angesichts der bekannt gefährdeten Lage der Elbmarsch erst spät für sich entdeckt hat. Eine Anwohnerin wollte eine Thematisierung der erheblichen Schadstoffbelastungen des Veringkanals mit einbringen – eines Industriekanals am Hafenrand, der über fast ein Jahrhundert mit Schwermetallen und anderen Giftstoffen gefüllt wurde, heute mitten im Aufwertungsgebiet liegt und immer noch nicht saniert ist. Aber die eigentlich nahe liegende Thematisierung dieses Widerspruchs kam nicht auf die Tagesordnung des Kunstprojekts. Wir vermuten, dass die Attraktion der „Stadt mitten im Wasser“ nicht durch die Thematisierung der Industrialisierungs-Folgeschäden angetastet werden sollte. Für weitere Aufregung sorgte eine beteiligte Künstlerin, die mit einer Arbeit auf ein Feuchtbiotop im Hamburger Hafen aufmerksam machte, woraufhin ihr die Hamburg Port Authority (HPA)* verbot, weiterhin das Gelände auf der Peute zu betreten.

An diesen Beispielen wird auch deutlich, wie kompliziert die Aufwertung mitunter sein kann. Die Hafenwirtschaft ist ja – von dem Containerreparaturbetrieb („Containerklopperei“) bis zu den Chemiefabriken, vom LKW-Verkehr bis zu den Folgen einer hundert Jahre alten Industrie- und Restzone – im Stadtteil mehr als sichtbar. Früher, heißt es, konnte man in der Straßenbahn die Augen schließen und doch wissen, wo man war, weil es überall unterschiedlich stank. Die Geruchs- und Lärmbelastung ist keineswegs verschwunden, sondern liegt immer noch weit über den Grenzwerten, vor allem rund um die Neuhöfer Straße. Die IBA thematisiert all diese Probleme in der Regel nicht – man könnte Investoren abschrecken. Es könnte absurd erscheinen, dass die SAGA GWG ausgerechnet östlich der Nordischen Oelwerke (umgangssprachlich „Katzenkocherei“) schicke neue Häuser plant und baut. Solche Widersprüche auszublenden und gleichzeitig eine Veranstaltung namens Kultur/Natur zu arrangieren, ist auch schon eine Kunst.

Aktuelle Konfliktstoffe im Stadtteil wie der Autobahnbau, die Hafenerweiterung, der LKW-Verkehr, die Umwandlung von Flächen für den Logistikbetrieb, die massiven Baumrodungen auf dem igs-Gelände und für IBA-Projekte werden aus diesem Grunde, sobald sie als Teilprojekt der IBA erscheinen, nur selten thematisiert. Wir glauben nicht, dass die engagierten Künstler_innen sich nicht dafür interessieren, eher ist es eine „Schere im Kopf“. Auch in dieser Hinsicht ist es kein Wunder, dass die inszenierte Beteiligung keine „Nachhaltigkeit“ entwickelt.

6. „Konzertgangster“ und andere Durchlauferhitzer

Ein Problem dieses Textes ist, dass wir bis hierhin von einem Bild „der Künstler_in“ ausgegangen sind. Diese Figuren existieren in der Realität nicht. In Wirklichkeit ist „Kunst“ und „Kultur“ vielmehr ein hoch organisierter Betrieb, der stark hierarchisiert ist und in dem diverse „Vermittler_innen“ eine zentrale Rolle spielen: „Künstler_innen“ sind ständig Kurator_innen, Galerist_innen oder andere Kulturbürokrat_innen auf den Fersen. Letztere, die Wolf Biermann in einem guten Moment mal „erfahrene Konzertgangster“ genannt hat, haben sich in Wilhelmsburg inhaltlich ganz überwiegend nicht von den Senats-Leitbildern der Stadtentwicklung abgesetzt.
Durch ein unkritisches Verhältnis zur eigenen Rolle im Aufwertungsprozess wird das, was zunächst nach einem findigen Ausnutzen von Gelegenheiten und Fördermöglichkeiten aussieht, zum aktiven Bestandteil eines Stadtteilmarketings, das sich Kunst und Kultur als „Aufwertungsmotoren“ bedient.

Ein gutes (oder schlechtes) Beispiel hierfür ist KuBaSta e.V., der „auf der Elbinsel“ seit Mitte der 2000er voll im Geschäft war und Ende 2010 aufgelöst wurde. Dahinter steckt auch das Stadtplanungsbüro überNormalNull (üNN), dessen Leitidee so aussieht:
„Eine lebendige, kreative und anziehende Stadt entsteht nur da, wo kulturelle, wirtschaftliche und soziale Entwicklung ineinander greifen. Deshalb verfolgt üNN die Strategie der Kulturellen Sukzession. Unter frühzeitiger Einbeziehung der Bevölkerung werden die Gelegenheiten und historischen Bezüge des Ortes aufgegriffen und kulturell durchdrungen. Das beginnt mit der Belebung durch künstlerische Aktionen, setzt sich fort mit der Umnutzung bestehender Gebäude und Freiflächen und mündet schließlich in die sukzessive Entfaltung neuer städtischer Strukturen.“

Als mit dem IBA-Kunst- und Kultursommer 2007 „die Hamburger Elbinseln zur Bühne der Stadt“ werden sollten, wie die IBA schrieb, übernahm üNN gemeinsam mit „10° Kunst –Wilhelmsburger Freitag“ die Projektauswahl. Sie selbst bekamen dabei Zuschläge für insgesamt 14(!!) Projekte (siehe Anlage).

Seit 2010 sind einzelne Personen von KuBaSta nun für die „Soulkitchen Halle“* verantwortlich. Eine IBA-Koop-Veranstaltung war das „IBA-Kino“, das 2010 im Ausstellungsraum der IBA und in der „Soulkitchen Halle“ stattfand. Dort wurden u. a. Filme und Diskussionen zum Thema Architektur und Stadtentwicklung gebracht: „Die Kinoreihe im Rahmen der Ausstellung „Wilhelmsburg Mitte – Etappen zu einem lebendige Stadtteil“ zeigt neun Spielfilme und hochwertige historische und aktuelle Dokumentationen zum Themenfeld Architektur und Stadtentwicklung.“ (Zitat von der IBA-Homepage)

Diese Inszenierung ist besonders interessant, weil sich nur wenige Monate vorher die „Insel-Lichtspiele“ mit einem ähnlichen Thema aus einer ganz anderen Sicht (und weitgehend auf der Grundlage eines großen Engagements von Bewohner_innen des Stadtteils) befasste: Der Gentrifizierung und dem Protest dagegen. Die Reihe bezog sich ausdrücklich und solidarisch auf die „Recht auf Stadt“-Bewegung. Die „Soulkitchen Halle“ funktioniert dagegen weitgehend harmlos als ein „weicher Standortfaktor“: ebenso gerne gesehen wie die gepushte Kunst- und Kulturszene, pittoreske Orte, Student_innenkneipen, hippe Cafés und ein Haufen (Groß-)Events. In dieser Melange finden sich fast nirgends Versuche, die sozialen und ökologischen Probleme, mit denen sich die Bewohner_innen des Stadtteils alltäglich herum schlagen, zu benennen oder Foren zu ihrer Artikulation zu bieten. Auch wenn die Betreiber_innen zur Zeit gerade verstärkt die alternative Szene umarmen („Freigeistern“, “Himmelsläufer Variete“), heißt das noch lange nicht, dass die „Soulkitchen Halle“ nicht 2013 wieder mit der nächsten großen IBA-Promoveranstaltungen auf den Plan tritt.

Ein weiteres Beispiel ist das 2009 von der IBA erfundene „Kreative Quartier Elbinsel: Räume für die Kunst“: „Die nachhaltige Infrastrukturförderung soll künstlerische und kreative Strukturen vor Ort festigen und Voraussetzungen für eine langfristige, lebendige Kulturszene auf den Elbinseln schaffen. Neben Ateliers und Ausstellungsräumen für Künstlerinnen und Künstler sollen flexible Produktionsplätze für lokale und überregionale Start-Ups sowie etablierte Unternehmen aus dem kreativwirtschaftlichen Sektor entstehen.“ Das mit diesen Worten eingeführte Projekt ist ein entmieteter Gewerbehof im Reiherstiegviertel, in dem zuvor diverse lokal verankerte Gruppen aktiv waren und für den die IBA nach Nutzer_innen suchte, zuerst allerdings nicht IN, sondern AUßERHALB Wilhelmsburgs. Die Ansprachen der IBA gingen in die Künstler_innengemeinden des Skam e.V., des Frappant e.V., sowie des Gängeviertels, die alle ihre Objekte aufgrund von Höherverwertungsabsichten räumen sollten. Angesichts der erwähnten Positionierung dieser Gruppen im Rahmen der „Recht auf Stadt“-Bewegung entschieden sich alle dagegen, als Pioniere nach Wilhelmsburg verpflanzt zu werden. Ein Grund war sicherlich ihr eigener Bezug zu den Stadtteilen, in denen sie arbeiteten, aber auch die Ablehnung einer Instrumentalisierung zwecks Standortmarketing.
Nachdem dieser Versuch gescheitert war, suchte die IBA händeringend nach Künstler_innen, um dieses Vorzeigeprojekt nicht scheitern zu lassen – erst jetzt ging sie gezielt in Wilhelmsburg auf die Suche und entwarf die „Künstler-Community Elbinsel“*. Hier bot sich die ehemalige Geschäftsführerin von „Stadtkultur e.V.“ mit ihrem dafür geschaffenen Unternehmen „Conecco“ an, die gewünschten Erfolge zu produzieren: Die von ihr betreute „Künstler-Community Elbinsel“ setzt sich aus einigen Menschen zusammen, die Kunst machen, Kunsthandwerk betreiben, Yoga und Sport machen, oder aus Berufen wie Grafik/Design, Gastronomie kommen.
Das Angebot, das hier geplant ist, soll sich an den Stadtteil richten – die Hoffnung der Beteiligten ist, dass sich zahlungskräftige Kund_innen finden, die die Anmietung der Räume ökonomisch tragbar machen.

Die „Community“, selbst ist inzwischen unzufrieden mit der Zusammenarbeit und Unterstützung der IBA für ihr Projekt, hat sich aber zu ihrer eigenen Rolle im Bezug auf Stadtentwicklung bisher nicht öffentlich geäußert.

7. Festivalisierung

Ab 2004 wurde der Festival-Weg geebnet: Auf der ehemaligen Brache auf dem Fährstieg, die gleichzeitig ein gesetzlich geschütztes Biotop war, veranstaltete „Neues Cinema Paradiso“ (heute „Insel-Lichtspiele“) ein vierwöchiges Open-Air-Kino und erhielt dafür finanzielle Unterstützung von der bundesweiten Regierungsinitiative „Stadtumbau West“. Obwohl sie sich in ökologischer Rücksichtnahme übten, blieben auch sie Pioniere zur Bespielung dieser Fläche.

Ab 2006 organisierten die Technoveranstalter_innen von „PLUX“ sowie das „GrünanlageFestival“ ihre Events. Der Fährstieg war zu diesem Zeitpunkt ein artenreicher und hochwertiger Trockenrasen. Dies hielt aber die Behörden nicht davon ab, wiederholt Ausnahmegenehmigungen für „einmalige“ Veranstaltungen zu erteilen. Die Veranstalter_innen selbst hatten auch nicht die Not, sich ernsthaft an die pro forma erlassenen Auflagen halten zu müssen, denn bei den Behörden gibt es bekanntlich Personalmangel und an Wochenenden werden überhaupt keine Kontrollen durchgeführt. So wurde dieses Gelände mittels einiger tausend Besucher_innen nach und nach „erfolgreich“ zertrampelt. Das passte gut, denn die Stadt hatte schon Pläne für die gewerbliche Nutzung des Geländes: Jetzt steht dort eine Werkhalle des zivil-militärischen Weltkonzerns Rolls Royce, Durch den Festivalbetrieb wurde die ökologische Wertigkeit der Fläche reduziert und damit auch der kostspielige Ausgleich für die Bebauung gesenkt – ob das ein Nebeneffekt oder eine städtische Vermarktungsstrategie war, wissen wir nicht, es möge jede_r selbst urteilen.

Alle diese Festivals waren seinerzeit selbstorganisiert, hatten jedoch kaum Bezug zum Stadtteil. Es wurde zunächst nicht einmal in Wilhelmsburg dafür geworben. Die genannten Brachen wurden einfach als „Freiflächen“ betrachtet. Später mehrten sich Proteste gegen die Events, u.a. wegen Ruhestörung in den angrenzenden Wohngebieten sowie des Ärgers über Müll und die Zerstörung der ehemaligen Fährstieg-Brache. Dies sollte aber (nur kleine) Konsequenzen für die nachfolgenden Veranstalter_innen haben. Die Anzahl der Festivals pro Jahr wurde vom Bezirksamt begrenzt und vage Richtlinien für Lärmemission eingeführt, allerdings mit begrenzten Folgen.

2007 kam dann auch das sogenannte 1. Elbinsel- Festival zum Auftaktjahr der IBA. Es war eine Kooperation zwischen der IBA, der Honigfabrik und dem Musik- und Sportveranstalter Karsten Schölermann GbR. Gemeinsam wurde ein Festivalwochenende konzipiert, das – wir zitieren – Wilhelmsburg „unter Strom setzen“ sollte. Das, da waren sich die Initiator_innen sicher, würde für die IBA und Hamburg der beste Weg sein, um auf die kommenden großen IBA-Projekte auf der (zweit)größten Binneninsel Europas hinzuweisen.

Es wurde eine riesige Imagekampagne in der gesamten Stadt initiiert, um auf das kostenlose Festival aufmerksam zu machen. Selbstverständlich setzten sich die Veranstalter_innen über die Lärmschutzrichtlinien hinweg, die der Bezirk und die seltsamerweise formal zuständige Hafenbehörde HPA wegen der Anwohner_innenproteste festgelegt hatten. Ein Tag bevor das Festival anfing, wurde die Bühne endgültig aufgebaut und entgegen der Absprachen mit der HPA und dem Bezirk in Richtung des Wohnviertels ausgerichtet. Den verwunderten HPA-Mitarbeiter_innen sagte man, dass an dem Aufbau jetzt nichts mehr zu rütteln sei, da ansonsten „das ganze Festival gefährdet sei“. Mit der IBA und dem Senat im Rücken war selbst so eine Dreistigkeit gegenüber der mächtigen HPA durchzusetzen. An diesem Wochenende kamen ca. 30.000 Leute nach Wilhelmsburg. Am Rande der Veranstaltung durften die Stadtteilbewohner_innen ihre angemeldeten Stände aufbauen, IBA-Fähnchen schwenken und für Folklore sorgen.

Auch Dockville begann 2007 seine Karriere mit einer Finanzspritze der IBA. Das war zu dem Zeitpunkt genau das Event, das sich die Stadtplaner_innen wünschten. Große Festivitäten, die viele Menschen nach Wilhelmsburg bringen und Bilder mit vielen glücklichen Menschen liefern – um das vermeintlich schlechte Image aufzupolieren. Die Festivalleute platzierten sich auf einem Gelände am Reiherstieg-Knie, das zahlreiche gesetzlich geschützte Biotope aufwies. Auch auf dem binnendeichs gelegenen Gelände, das vormals von der DEA Mineraloelgesellschaft genutzt wurde, hatte sich auf Grund der kompletten Umzäunung eine bis Dato unberührte Fläche mit Kiebitz, Kuckuck sowie seltenen Pflanzen und Biotopen über Jahrzehnte entwickelt; eine wilde Landschaft, die von Biologen als wertvoll eingestuft wurde, obwohl der Boden dieses Geländes durch Industrie und Kriegsgeschehen hochgradig belastet ist und eine schwer zu bewältigende Altlast darstellt – was der Grund dafür sein dürfte, dass diese große Hafenfläche bislang frei von Nutzung geblieben ist. Dennoch dürfen dort jetzt die Festivalbesucher_innen ihre Zelte zum Campen aufschlagen.

Zum Festival 2011 verwandelten sich die ehemaligen Grünflächen in eine stinkende Brühe, von der jede_r Festivalbesucher_in etwas (an den Gummistiefeln) mit nach Hause nehmen durfte. Der Schlamm stank nach Chemie. Obwohl das Problem der Bodenbelastungen allgemein bekannt ist, handelt keine offizielle Stelle. Auch hier wieder ein altes heißes Eisen, das nicht gerne angerührt wird – die Sache wäre imageschädigend, also wird sie verschwiegen. Wie es mit dem Festival weitergeht, ist dennoch nicht klar, handelt es doch sich trotz der großen öffentlichen Aufmerksamkeit nur um eine Zwischennutzung. Dass dort 2.700 Parkplätze für die igs entstehen könnten, wurde von den Zuständigen immer als Option verhandelt. Ein Teil des Areals ist jetzt hingegen offiziell zur Grünanlage erklärt worden, erstmalig in der Hamburger Geschichte zweckgebunden für die Abhaltung von (kommerziellen) Veranstaltungen. Das hat natürlich Vorbildfunktion für die kommerzielle Inwertsetzung anderer öffentlicher Grünflächen.
Dieser Prozess ist kaum zu vermeiden, und auch wenn man einige der Bands, die bei Dockville aufgetreten sind, persönlich gerne mag, muss man zur Kenntnis nehmen, dass diese Massenveranstaltungen Orte neu definieren und die Veranstalter_innen letztlich meistens kaum Einfluss auf diese Definition haben.

Trotzdem sagen die Dockville-Macher_innen in einem Interview im (Umsonst-)„Magazin für Hamburger Gelegenheiten: STADTLICHH“: „Wir sind kein IBA-Festival.“ (Ausgabe Nummer 3)

8. Offene Fragen

Uns geht es hier nicht darum, Noten zu verteilen oder Kunst als solche zu bewerten. Wir begrüßen alle Musikliebhaber_innen, haben nichts gegen „komplexe“ Rauminstallationen oder koffeinhaltige Getränke. Das ist eigentlich selbstverständlich, muss hier aber noch einmal betont werden, weil die erste Abwehr auf die Kritik an der Instrumentalisierung der Kunst ist, man habe einfach einen „schlechten Geschmack“ oder sei „gegen Kunst“.
Nein, aber wir haben mit der Zeit festgestellt, dass wir unter „Experimenten“, „Offenheit“ und „Freiräumen“ meistens das Gegenteil von dem verstehen, was in Wilhelmsburg inszeniert wird. Wir meinen, dass die hier genannten Beispiele zeigen, dass sich der Zugang zu kulturellen Entfaltungsmöglichkeiten für die meisten Bewohner_innen der bespielten Quartiere jedenfalls nicht verbessert – eher verschlechtert. Kunst und Kultur, als Teil des Aufwertungsprozesses in Szene gesetzt, tragen zur sozialen Polarisierung und zur Ausgrenzung bei. Nicht nur Eintrittspreise, auch ein bestimmter Stil, bestimmte Formen erzeugen einen kulturellen Gestus, der sich selbst ein- und andere Formen abgrenzt.
Was für die einen chique und verschönernd wirkt, kann bei anderen ein Gefühl der Fremdheit erzeugen. Kunst und Kultur tragen so auch immer einen bestimmten weiß-deutschen bürgerlichen Stil weiter, der die vermeintliche „Kulturlosigkeit“ der „Anderen“ kommuniziert. Wir suchen nach Möglichkeiten, diese Prozesse der Ausgrenzung bewusst zu machen und womöglich zu stoppen. Wir haben keine Rezepte, aber immerhin zwei Ansatzpunkte.

Der erste Ansatz besteht darin, NEIN zu sagen, sich den Vereinnahmungen und Instrumentalisierung von IBA und Co. zu verweigern!

Ein gutes Beispiel ist in dieser Hinsicht eine Erklärung einer italienischen Künstler_innengruppe, die von der Akademie einer anderen Stadt* für eine Zusammenarbeit gewonnen werden sollte. Im Anhang ist sie unkommentiert veröffentlicht. Wir hoffen natürlich, dass diese Position von vielen Kunst- und Kulturproduzent_innen ebenfalls eingenommen wird, sind aber durch unsere Erfahrungen nicht sehr zuversichtlich.

Eine andere Art, nach Möglichkeiten der Widersetzung zu suchen, ist, zunächst mal einige offene Fragen zu formulieren und Überlegungen anzustellen, die sich aus dem Geschilderten ergeben:

– Wie und wo wird die (vorhandene) Stadtteilkultur und Kunst eigentlich wirklich gefördert? Was ist z.B. mit den ’zig Fussballvereinen, den Dartclubs, dem Schachclub, den Bürgerhäusern und den schon lange ansässigen kleinen Künstler_innen und Kulturschaffenden? Sie bleiben auf der Strecke, wenn sie nicht wichtig für die Imageproduktion sind und werden nur gefördert, wenn sie sich anpassen und in die IBA/igs-Eventkultur einreihen.

– Für wen wird das alles gemacht? Gerne wird es als kulturelle Bildung verkauft, wenn Kunst und Kultur in ärmeren Stadtteilen veranstaltet wird. Schön und gut. Was aber benötigen die Menschen in diesem Stadtteil, um den Alltag bestehen zu können? Für viele wären erst einmal bezahlbare Wohnungen, bessere Arbeitsbedingungen, bessere Löhne, keine Diskriminierungen wichtiger, als die ganze Kunst und Kultur, die jetzt über Wilhelmsburg tonnenweise ausgeschüttet werden. So wie es jetzt läuft, geht es auf Kosten der hier lebenden Menschen.

– Müssten sich Kunst und Kultur jetzt komplett verweigern, oder können sie trotzdem ihr eigene Unabhängigkeit schaffen? Und wenn ja, wie? Wir denken, dass es möglich sein muss, eine finanzielle Förderung für Projekte zu erhalten, ohne gleich „nützlich“ zu sein. Es darf nicht sein, dass (wie gerade angedacht) in der Stadt die Ressorts Kultur und Stadtentwicklung zusammengelegt werden, weil man (wie die aktuelle Kultursenatorin) das für erfolgversprechend hält.

– Was können wir tun, um Alternativen zu den beschriebenen Formen der Kunst und Kulturproduktion zu schaffen? Welche Beispiele gibt es dafür? Wer wären mögliche Bündnispartner_innen?

]]>
http://KulturStammtischSued.blogsport.de/2012/01/23/kunst-kultur-kohle-und-gute-beziehungen/feed/
Museo Aero Solar sagt: Not In Our Name, IBA http://KulturStammtischSued.blogsport.de/2012/01/23/erster-eintrag/ http://KulturStammtischSued.blogsport.de/2012/01/23/erster-eintrag/#comments Mon, 23 Jan 2012 12:12:10 +0000 Administrator Übersicht -Alle Texte http://KulturStammtischSued.blogsport.de/2012/01/23/erster-eintrag/

Museo Aero Solar sagt:
Not In Our Name, IBA

April 20, 2010

Liebe Andrea Knobloch, sehr geehrte „Academy of another city/Akademie einer anderen Stadt“

Nachdem wir Hamburg besucht hatten, brauchte es mehr Zeit als wir erwartet hatten, um zu entscheiden, ob wir Eure Einladung akzeptieren. Nicht nur weil es schwer war zu entscheiden, nach diversen Gruppendiskussionen, sondern auch weil wir überlegten WIE wir auf Euren netten Vorschlag, an einem Kunstevent teilzunehmen, der von Eurer Gruppe organisiert und gegründet wurde und von der IBA Hamburg finanziert, die den ersten Schritt macht, die Insel grundlegend umzukrempeln.

Wir haben uns entschieden, diesen Brief nicht persönlich zu adressieren, sondern als öffentliches Statement zu bringen, weil wir in derselben Lage wie ihr sind: Wir werden als Kultur-Produzenten betrachtet, die im sogenannten kreativen Feld arbeiten und Kunst für die Stadtentwicklung produzieren sollen. Wir trafen uns nur einmal und drei unserer Mitglieder besuchten Wilhelmsburg für zwei Tage, um zu sehen ob es für uns möglich ist, dort zu arbeiten.

Nachdem wir einen Tag mit Euch verbracht haben – wir schätzen Eure Offenheit über verschiedene Aspekte zu diskutieren sehr – taten wir unser Bestes, um über die ersten Eindrücke hinaus Informationen über den Ort zu sammeln. Wir sprachen mit einer Menge Leute vor Ort. Wir liefen von einer zur nächsten Nachbarschaft, von Veddel bis Kirchdorf. Wir entdeckten, dass sich die Situation sehr von dem unterscheidet, was wir von Euch gehört haben.

Ihr habt viele rhetorische Redewendungen gebraucht, die den gegenwärtigen Zustand in Begriffen wie “Entwicklung” und Slogans wie “die Menschen mit dem Stadtzentrum verbinden” zusammenfassten. Es scheint Euch um die “Hilfe für die armen Menschen” zu gehen. Aber wer ist das? Sind es die Einwohner von Wilhelmsburg, die sich gegen die IBA stellen, weil sie denken, dass sie nach und nach aus dem Stadtteil geworfen werden, oder vielleicht noch schlimmer: sie können bleiben, aber ihnen wird ein neuer, “kreativer Lifestyle” auferlegt? Wer sind “die Armen”? Sind es die Künstler und Kuratoren, die gerufen worden sind, um den Stadtteil mit optimistischen und enthusiastischen Kulturevents im Rahmen der “wachsenden Stadt” aufzuwerten, versehen mit denselben Images wir in den IBA-Broschüren oder mit melancholischen Rückblicken auf die “alten Zeiten”, während der „kreative Bezirk” entsteht?

Oder ist es vielleicht die IBA, die all die Werbung, Poster, Kampangen, Kunst, Events und nicht zuletzt Fotos von lächelnden Menschen braucht, die „IBA ist gut“ und “Wilhelmsburg ist gut” rufen? Wozu all diese Bemühungen? Warum sollen wir so optimistisch sein?
Wir (Museo art) leben nicht in Wilhelmsburg und wir sind nicht aus Hamburg. Wir können niemandem sagen, wie die Elbinseln auszusehen haben, was gebaut werden soll oder verändert werden müsste. Aber die IBA-Projekte haben enorme Anstrengungen in Gang gesetzt, um die “kreativen” Mittelklasse-Leute aus dem Stadtzentrum davon zu überzeugen, dass die Insel ein Super-Ort für sie wäre.
Wenn allerdings selbst die “Akademie einer anderen Stadt” offen sagt, dass die IBA sich kaum für die Gentrifizierungsprozesse interessiert, warum sollten wir dies dann mit unterstützen?

Wir lehnten eine Menge Geld ab, aber warum ist dieses Geld für uns da? Geht es darum, uns mit dieser „Chance“ zu bestechen, obwohl die geschilderte Situation offensichtlich ist? Geht es darum, Bilder von einem “großen multikulturellen Kunstwerk” zu haben, das dokumentiert, dass die IBA Menschen anzieht, deren Leben leicht ist, wenn sie nur ja sagen.

Wir glauben nicht, dass der Anspruch von Künstlern getragen sein sollte durch Begriffe wie “Hoffnung” oder “Optimismus”, wenn sie ganz klar nur andere Worte für “Verantwortungslosigkeit” sind. Wir lehnen es ab. Wir sagen „Nein danke.“ Und wir raten jedem anderen eingeladenen Künstler, über diese Möglichkeit nachzudenken. Wenn wir wiederkommen würden, dann nur, wenn keine Künstler mehr benutzt werden, um eine gute Atmosphäre zu verkaufen. Alles was die Künstler im Moment tun, wird hier von der IBA ausgebeutet. Wir sind nicht daran interessiert, die kranke Beziehung zwischen Kunst und Gentifizierung zu pflegen (denn dies ist die Basis des Ganzen, was niemand vergessen sollte).

Wir sind der Auffassung, dass künstlerische Arbeit in diesem Kontext nichts anderes ist als ein weiterer Schritt in der Unterordnung der Kunst unter das kapitalistische Stadtmarketing, und dass dort das Objekt des Austausches nicht mehr die Kunstwerke, sondern die Künstler selbst sind – als neuer „Promotor“ für alle möglichen Immobiliengeschäfte. Wir haben ein sehr interessantes Manifest gefunden, das in der letzten Zeit geschrieben wurde und darstellt, was in Hamburg passiert: es heißt “Not in our name. Marke Hamburg!” Es ist eine Petition, die von Tausenden unterschrieben wurde. […] Wir fanden, dass dieses Dokument die Situation, an der wir aus eurer Sicht teilhaben sollten, sehr gut schildert. Die Tatsache, dass das Mietverhältnis des “Infoladen” in der Fährstraße in Wilhelmsburg durch die SAGA gekündigt wurde, ist ein weiteres Symptom. Aber ist – wie ihr meint – “Utopie” die einzige gangbare und akzeptable Form über andere Formen des Arbeitens und Lebens nachzudenken?

Können wir die Kategorie der “Partizipation” nur so denken, dass es darum geht, Leute dazu zu zwingen, mit uns zu kooperieren, weil wir eine “community” um unser Kunstprojekt haben wollen, um dem Ganzen eine Aura des Konsens zu geben?

Wäre es nicht möglich, dass eines Tages „gutwillige“ KünstlerInnen sich in selbstorganisierten Gruppen zusammentun, anstatt die unbewußte Arbeit einer Kultur fortzusetzen, die Marktwerte und Gentrifizierung produziert?

museo aero solar April, 20th 2010

]]>
http://KulturStammtischSued.blogsport.de/2012/01/23/erster-eintrag/feed/